Mittwoch, 7. mai 2008

Jahresbericht 2007

Berichtszeitraum 1. Januar bis 31. Dezember 2006

KOLUMBIEN

Amtliche Bezeichnung: Republik Kolumbien

Staats- und Regierungschef: Alvaro Uribe Vélez

Todesstrafe: für alle Straftaten abgeschafft

Statut des Internationalen Strafgerichtshofs: ratifiziert

Vor allem in den ländlichen Gebieten Kolumbiens bewegten sich im Berichtsjahr schwere Menschenrechtsverstöße weiterhin auf einem kritischen Niveau, wenn auch die Anzahl bestimmter Gewalttaten wie etwa Entführungen und Tötungen, die im Kontext des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts standen, weiter zurückging. Alle Konfliktparteien – auf der einen Seite die Sicherheitskräfte und von der Armee unterstützte Paramilitärs und auf der anderen Seite Guerillagruppen, vornehmlich die Revolutionären Streitkräfte von Kolumbien (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – FARC) und die kleinere Gruppierung Nationale Befreiungsarmee (Ejército de Liberación Nacional – ELN) – begingen unvermindert Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht. Sie trugen außerdem die Verantwortung für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Zahl der Menschen, die im Berichtszeitraum im Zuge des bewaffneten Konflikts aus ihren Heimatorten vertrieben wurden oder fliehen mussten, lag zwar unter den Vorjahreszahlen, insgesamt aber gab die Situation der Binnenvertriebenen nach wie vor Anlass zur Besorgnis. Die weiterhin auf Gewerkschafter und Menschenrechtsverteidiger verübten Angriffe wurden vor allem paramilitärischen Gruppierungen angelastet. Überdies erreichten amnesty international nach wie vor Meldungen über von Sicherheitskräften begangene extralegale Hinrichtungen und gezielte Morde an Zivilisten sowie Entführungen durch Guerillaeinheiten.

Hintergrundinformationen

Der parteilose Staatspräsident Alvaro Uribe Vélez wurde im Mai für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Bei den Kongresswahlen im März konnten Uribe nahestehende Parteien die Mehrzahl der Sitze in beiden Kammern des Parlaments auf sich vereinigen.

Spekulationen, denen zufolge die Verhandlungen zwischen der Regierung und der FARC über einen Gefangenenaustausch kurz vor dem Durchbruch stünden, bewahrheiteten sich nicht, nachdem Präsident Uribe der FARC vorgeworfen hatte, am 19. Oktober in der Militärhochschule Nueva Granada in Bogotá einen Sprengstoffanschlag verübt zu haben, bei dem mindestens 20 Personen verletzt wurden. Die ELN und Vertreter der Regierung trafen im Oktober in Kuba zum vierten Mal zu Sondierungsgesprächen zusammen. Wie aus Regierungskreisen verlautete, hatten bis Ende des Jahres mehr als 30000 Paramilitärs ihre Waffen im Rahmen eines von der Regierung geförderten Demobilisierungsprozesses niedergelegt. Dieser Prozess löste in weiten Kreisen immer wieder Kontroversen aus. Im Juli erklärte das Verfassungsgericht entscheidende Paragraphen des Gesetzes über Gerechtigkeit und Frieden, welches den rechtlichen Rahmen für die Demobilisierung paramilitärischer Gruppierungen schaffen sollte und von Menschenrechtsorganisationen kritisiert worden war, für verfassungswidrig. Im September setzte die Regierung dessen ungeachtet das Gesetz per Erlass in Kraft. Aufgrund der vom Verfassungsgericht geäußerten Kritik an dem Gesetzeswerk waren zwar einige Änderungen vorgenommen worden, dennoch blieben Bedenken bestehen, die Bestimmungen könnten das Problem der Straflosigkeit weiter verschärfen und den Opfern ihr Recht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung vorenthalten. Trotz der angeblich fortschreitenden Demobilisierung deuteten starke Indizien darauf hin, dass paramilitärische Truppen weiterhin mit stillschweigender Duldung oder gar mit Unterstützung der Sicherheitskräfte operierten und Menschenrechtsverletzungen begingen. Im November wurden drei Parlamentsabgeordnete wegen mutmaßlicher Verbindungen zu Paramilitärs festgenommen. Gegen weitere Abgeordnete und Politiker waren Ende des Jahres offenbar Ermittlungen des Obersten Gerichtshofs anhängig.

Verstöße paramilitärischer Gruppen trotz vermeintlicher Demobilisierung

Die von der Organisation Amerikanischer Staaten (Organization of American States – OAS) nach Kolumbien entsandte Mission zur Unterstützung des Friedensprozesses veröffentlichte im August einen Bericht. Darin hieß es, einige der demobilisierten Paramilitärs hätten sich zu kriminellen Banden zusammengeschlossen, andere entzögen sich der Demobilisierung. Überdies seien neue paramilitärische Einheiten entstanden. Nach wie vor begingen paramilitärische Gruppierungen in Gebieten Menschenrechtsverletzungen, in denen ihre Demobilisierung angeblich abgeschlossen war. Seit ihrer Waffenstillstandserklärung im Jahr 2002 sollen paramilitärische Gruppierungen für über 3000 Tötungen und Fälle von »Verschwindenlassen« verantwortlich gewesen sein.

Nach vorliegenden Informationen töteten Paramilitärs der Gruppierung Bloque Noroccidente am 11. Februar sechs Kleinbauern im Verwaltungsbezirk Sabanalarga des Departements Antioquia.

Anwendung des Gesetzes über Gerechtigkeit und Frieden

Mit Dekret Nr. 3391 setzte die Regierung einige in die Kritik geratenene Teilbereiche des Gesetzes über Gerechtigkeit und Frieden wieder in Kraft. Besonders umstritten war die Aufnahme »landwirtschaftlicher Integrationsprogramme«, in denen Kleinbauern, Binnenvertriebene und demobilisierte Paramilitärs in regierungsfinanzierten Agrarprojekten zusammengebracht werden sollen. Dies könnte bedeuten, dass Kleinbauern und Binnenvertriebene mit eben jenen Personen zusammenarbeiten sollen, die sie von ihrem Land vertrieben und Menschenrechtsverletzungen an ihnen verübt haben. Letztlich könnten diese Programme auch eine Legalisierung der Besitzverhältnisse über Land festschreiben, das sich die Paramilitärs gewaltsam angeeignet hatten. Das Dekret enthielt zudem keine Maßnahmen zur Identifizierung und strafrechtlichen Verfolgung Dritter, darunter Angehörige der Sicherheitskräfte und Politiker, die paramilitärische Gruppierungen sowohl logistisch als auch finanziell unterstützt haben.

Das Gesetz über Gerechtigkeit und Frieden blieb auch in der überarbeiteten Version hinter internationalen Standards für Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung zurück und sollte lediglich auf rund 2600 der mehr als 30000 vermeintlich demobilisierten Paramilitärs angewendet werden. Die überwiegende Zahl der demobilisierten Paramilitärs hatte von einer De-facto-Amnestie im Rahmen des Erlasses 128 aus dem Jahr 2003 profitiert. Im Dezember erklärten die paramilitärischen Gruppen ihren Rückzug aus dem »Friedensprozess«. Diese Bekanntmachung folgte auf eine Entscheidung der Regierung vom 1. Dezember, 59 vermeintlich demobilisierte führende Paramilitärs aus dem Gewahrsam in einer ehemaligen Ferienanlage in La Ceja im Departement Antioquia in das Hochsicherheitsgefängnis von Itagüí im selben Departement zu verlegen. Als Begründung für diese Entscheidung gab die Regierung an, die Paramilitärs hätten von La Ceja aus mehrere Morde in Auftrag gegeben.

Am 19. Dezember sagte Salvatore Mancuso als erster hochrangiger Paramilitär vor dem Gremium für Frieden und Gerechtigkeit der Generalstaatsanwaltschaft aus. Diese Stelle war auf der Grundlage des Gesetzes für Gerechtigkeit und Frieden eingerichtet worden, um Menschenrechtsverstöße jener Personen zu untersuchen, die unter anderem durch Aussagen über ihre Taten von den im Rahmen des Gesetzes in Aussicht gestellten Strafminderungen und anderen Vergünstigungen profitieren wollten.

Verbindungen zwischen Paramilitärs und Behördenvertretern

Berichte über enge Verbindungen zwischen Paramilitärs und hochrangigen Behördenvertretern lösten Empörung aus und drohten, das Vertrauen in rechtsstaatliche Strukturen weiter zu erschüttern.

Im November legte die Bundesdisziplinarbehörde dem ehemaligen Leiter des Geheimdienstes Departamento Administración de Seguridad (DAS) zur Last, Verbindungen zu paramilitärischen Einheiten zu unterhalten. Diese Vorwürfe stützten sich auf Medienberichte vom April, in denen ein anderer DAS-Mitarbeiter erklärt hatte, der DAS habe eine Liste mit 24 Namen führender Gewerkschafter an die paramilitärische Gruppierung Bloque Norte weitergeleitet. Mehrere auf der Liste genannte Personen fielen im Berichtsjahr Mordanschlägen zum Opfer, andere wurden bedroht oder sahen sich willkürlichen strafrechtlichen Verfahren ausgesetzt.

Am 9. November stellte der Oberste Gerichtshof des Landes Haftbefehle gegen drei Kongressabgeordnete aus dem Departement Sucre – Alvaro García Romero, Jairo Merlano und Erik Morris Taboada – aus, weil ihnen Verbindungen zu paramilitärischen Einheiten zur Last gelegt wurden. Gegen Alvaro García Romero erhoben die Behörden zudem den Vorwurf, im Jahr 2000 ein Massaker von Paramilitärs an 15 Kleinbauern in Macayepo im Departement Bolívar angeordnet zu haben. Im Verlauf des November stellte der Oberste Gerichtshof sechs weitere Kongressabgeordnete wegen mutmaßlicher Verbindungen zu Paramilitärs unter Anklage.

Im November hieß es in Presseberichten, die Generalstaatsanwaltschaft prüfe mehr als 100 Fälle mutmaßlicher geheimer Absprachen zwischen Paramilitärs und Staatsbediensteten, darunter Politiker, Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung und der Justizbehörden sowie der Sicherheitskräfte. Ebenfalls im November gab die für Disziplinarverfahren zuständige Bundesbehörde die Einrichtung einer Sonderabteilung bekannt, um vermeintliche Verbindungen zwischen Staatsbeamten und paramilitärischen Gruppen zu untersuchen.

Nach wie vor begingen Paramilitärs in geheimer Absprache oder mit stillschweigender Duldung der Sicherheitskräfte schwere Menschenrechtsverletzungen.

Am 4. Februar wurde in der Nähe einer Polizeiwache im Verwaltungsbezirk Saravena des Departements Arauca der Gemeindesprecher Alirio Sepúlveda Jaimes erschossen. Der Täter, bei dem es sich um einen Paramilitär gehandelt haben soll, unterhielt dem Vernehmen nach Verbindungen zum lokalen Armeebataillon. Das Opfer gehörte zu einer Gruppe von rund 40 sozial engagierten Bürgern und Menschenrechtsverteidigern, die 2002 von den Behörden in Saravena festgenommen worden waren.

Exhumierungen von Massengräbern

In über 80 Massengräbern wurden im Berichtsjahr die sterblichen Überreste von rund 200 Personen gefunden, die im Zuge des bewaffneten Konflikts von paramilitärischen Einheiten getötet worden waren. Laut Angaben des Gremiums für Gerechtigkeit und Frieden der Generalstaatsanwaltschaft waren die sterblichen Überreste von rund 3000 »Verschwundenen« noch nicht gefunden worden. Schätzungen gingen allerdings davon aus, dass noch weit mehr Menschen, die als »verschwunden« galten, in Massengräbern verscharrt worden waren. Es wurden Befürchtungen geäußert, dass die mangelnde Sorgfalt bei den Exhumierungen die forensische Beweisaufnahme gefährden könnte. Zudem hieß es, die Behörden würden die Leichen nicht angemessen aufbewahren. Bemängelt wurde überdies, dass die Identifizierungsquote der aufgefundenen Toten nicht sehr hoch und die rechtsmedizinischen Untersuchungen nicht effizient gewesen seien. So sollen Paramilitärs aus einigen Massengräbern Leichenteile entfernt haben.

Straffreiheit

Nach wie vor stellte die Straflosigkeit ein ernstes Problem in Kolumbien dar. Weiterhin beanspruchte auch die Militärjustiz die Zuständigkeit für Ermittlungen und Gerichtsverfahren gegen Angehörige der Sicherheitskräfte, denen Menschenrechtsverletzungen angelastet wurden. Damit setzte sie sich über eine Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs von 1997 hinweg, der die Ermittlungen in derartigen Fällen an die zivilen Justizbehörden verwiesen hatte. Tatsächlich wurden im Berichtszeitraum einige dieser Fälle an zivile Gerichte übertragen. Dazu gehörte die Ermordung von zehn Angehörigen der Kriminalpolizei (Dirección de Policía Judicial e Investigación – DIJIN), eines Polizeiinformanten und eines Zivilisten, die am 22. Mai in Jamundí im Departement Valle del Cauca von Soldaten getötet worden waren. Die Generalstaatsanwaltschaft stellte 15 Angehörige der Armee wegen ihrer mutmaßlichen Beteiligung an den Tötungen unter Anklage. Berichten zufolge hatten Drogenhändler mit Beziehungen zu paramilitärischen Gruppierungen die Morde in Auftrag gegeben. Die mit dem Fall betrauten Ermittler der Justizbehörden sollen Drohungen erhalten haben.

Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte fällte im Berichtsjahr Urteile in zwei exemplarischen Fällen von Straflosigkeit, welche Massaker durch paramilitärische Gruppierungen betrafen, die in geheimer Absprache oder mit stillschweigender Duldung der Sicherheitskräfte stattgefunden haben sollen. Im ersten Fall ging es um das Massaker von Pueblo Bello aus dem Jahr 1990, bei dem 43 Zivilisten getötet worden beziehungsweise dem »Verschwindenlassen« zum Opfer gefallen waren. Der zweite Fall betraf die Massaker von La Granja und El Aro aus den Jahren 1996 beziehungsweise 1997, die insgesamt 19 Menschen das Leben gekostet hatten. In beiden Fällen sah der Gerichtshof eine Teilverantwortung des kolumbianischen Staates als erwiesen an und ordnete Entschädigungszahlungen an die Opfer und ihre Familien an.

Die Sicherheitskräfte

Unvermindert häufig wurden Sicherheitskräften extralegale Morde angelastet.

Am 19. September sollen im Verwaltungsbezirk Morales des Departements Bolívar Soldaten Alejandro Uribe Chacón getötet haben, der sich in sozialen und arbeitsrechtlichen Fragen engagierte.

Am 14. April wurde Berichten zufolge im Verwaltungsbezirk Argelia im Departement Antioquia der Kleinbauer Adrián Cárdenas Marín von Soldaten festgenommen. Am 15. April gab die Armee bekannt, er sei unweit der Stadt Argelia bei Kampfhandlungen getötet worden.

Die kolumbianischen Medien griffen mehrere Fälle auf, in denen der Armee Menschenrechtsverletzungen zur Last gelegt wurden.

Am 25. Januar mussten 21 Soldaten in einem Militärschulungszentrum in Piedras im Departement Tolima im Rahmen eines Initiationsritus Folterungen von Vorgesetzten, darunter sexuelle Erniedrigungen, über sich ergehen lassen. Ende 2006 liefen noch Ermittlungen der Zivilbehörden in diesem Fall.

Die Bundesdisziplinarbehörde leitete Ermittlungen wegen der mutmaßlichen Beteiligung von Armeeangehörigen an mehreren Bombenanschlägen in Bogotá vom Juli und August ein. Unter anderem untersuchte die Behörde die Detonation einer Autobombe, bei der am 31. Juli ein Zivilist getötet und 19 weitere verletzt worden waren. Offizielle Stellen hatten den Anschlag der FARC zur Last gelegt.

Die Sicherheitskräfte, darunter Angehörige der polizeilichen Sondereinheit Escuadrón Móvil Antidisturbios (ESMAD), sollen am 15. und 16. Mai bei Massenprotesten von Kleinbauern und afrikanischstämmigen sowie indigenen Demonstranten in den Departements Cauca und Nariño mit exzessiver Gewalt vorgegangen sein. Mindestens ein Demonstrant kam dabei ums Leben, 50 Personen erlitten Verletzungen, darunter mehrere Angehörige der Sicherheitskräfte und ein zwölfjähriges Kind.

Am 8. März verletzten ESMAD-Angehörige Angaben zufolge an der Nationaluniversität Bogotá mehrere Menschen, als sie eine Studentendemonstration auflösten. Während der Protestkundgebung warfen die Hochschüler Steine auf Polizisten. Der Student Oscar Leonardo Salas erlag am 9. März einer Kopfverletzung, die ihm offenbar durch einen Schuss der ESMAD zugefügt worden war.

Bewaffnete Oppositionsgruppen

Die beiden bewaffneten Oppositionsgruppen FARC und ELN waren auch im Berichtszeitraum wiederholt für schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht verantwortlich, darunter Geiselnahmen und Tötungen von Zivilisten.

Am 9. Oktober fand man die Leichen von vier Kleinbauern, die ELN-Mitglieder im Verwaltungsbezirk Fortul des Departements Arauca entführt hatten. Zwischen März und August sollen FARC und ELN im Departement Arauca mehr als 20 Zivilisten getötet haben.

Am 27. Februar töteten nach vorliegenden Informationen FARC-Mitglieder im Verwaltungsbezirk Rivera im Departement Huila mindestens acht Stadtratsmitglieder, die gerade an einer Sitzung teilnahmen.

Am 25. Februar verübten FARC-Kämpfer dem Vernehmen nach im Departement Caquetá einen Anschlag auf einen Bus, bei dem zwei Kinder und sieben weitere Zivilpersonen starben.

FARC-Einheiten setzten zudem bei Anschlägen unverhältnismäßig und wahllos Gewalt ein, wodurch zahlreiche Zivilisten ums Leben kamen.

Am 6. März wurden bei einem Sprengstoffanschlag im Verwaltungsbezirk San Vicente del Caguán im Departement Caquetá drei Zivilpersonen getötet, darunter eine 76-jährige Frau und ein achtjähriger Junge. Die Regierung schrieb den Anschlag der FARC zu.

FARC und ELN rekrutierten weiterhin Minderjährige als Kämpfer für ihre Truppen. Durch von Guerillagruppen gelegte Landminen wurden nach wie vor Zivilpersonen getötet und verstümmelt.

Am 2. August töteten mutmaßlich von der FARC gelegte Landminen im Verwaltungsbezirk La Macarena des Departements Meta fünf Polizisten und sechs Zivilisten, die für ein Regierungsprogramm zur Eindämmung des Koka-Anbaus arbeiteten.

Gewerkschafter, Menschenrechtsverteidiger und andere sozial engagierte Bürger

Menschenrechtsverteidiger und andere, die sich für soziale Belange und die Rechte ihrer Gemeinschaften einsetzen, waren in Kolumbien nach wie vor gefährdet. Die größte Gefahr ging zwar von paramilitärischen Gruppierungen und den Sicherheitskräften aus, aber auch Guerillaeinheiten waren für Menschenrechtsverstöße verantwortlich. Im Berichtsjahr wurden in Kolumbien allein mehr als 70 Gewerkschafter getötet.

Im September sollen FARC-Mitglieder Fabián Trellez Moreno, einen Gemeindesprecher und Delegierten des Kommunalrats von Boca de Bebará im Verwaltungsbezirk Medio Atrato des Departements Chocó, gefoltert und getötet haben.

Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen erhielten im Mai Gewerkschafter, Mitglieder linksgerichteter Parteien, Angehörige regierungsunabhängiger Menschenrechts- und Friedensorganisationen sowie Studenten und andere Personen Morddrohungen per E-Mail, deren Urheber vermeintlich neue paramilitärische Strukturen waren.

Am 2. Januar fand man im Verwaltungsbezirk Puerto Wilches des Departements Santander den Leichnam des Gewerkschafters Carlos Arciniegas Niño. Er hatte seit dem 30. Dezember 2005 als vermisst gegolten. Sein Körper wies nach vorliegenden Informationen Folterspuren auf. Das Verbrechen wurde der paramilitärischen Gruppe Bloque Central Bolívar (BCB) zugeschrieben. Am 31. August sandte die BCB Berichten zufolge eine schriftliche Morddrohung an den Gewerkschaftsverband Central Unitaria de Trabajadores (CUT) in Bucaramanga im Departement Santander. Die Gruppe hätte eigentlich spätestens seit dem 1. März im Zuge der Demobilisierung nicht mehr aktiv sein dürfen.

Gefahr für die Zivilbevölkerung

Angehörige indigener Gemeinschaften, Kleinbauern, Afro-Kolumbianer und Bewohner der umkämpften Konfliktzonen waren besonders gefährdet, Opfer von Angriffen der verschiedenen Konfliktparteien zu werden. In der ersten Jahreshälfte wurden über 770 Zivilpersonen getötet oder fielen dem »Verschwindenlassen« zum Opfer. Mehr als 219000 Menschen mussten im Berichtsjahr ihre Heimatorte verlassen, während die Zahl der im Vorjahr Vertriebenen bei 310000 gelegen hatte. In der ersten Jahreshälfte wurden zudem mehr als 45 Angehörige indigener Gemeinschaften getötet.

Am 9. August töteten Unbekannte im Verwaltungsbezirk Barbacoas des Departements Nariño fünf Angehörige der indigenen Gemeinschaft der A’wa.

Am 5. beziehungsweise 6. März töteten dem Vernehmen nach FARC-Mitglieder Juan Ramírez Villamizar, den ehemaligen indigenen Gouverneur des Indigenengebiets (resguardo) Makaguán de Caño Claro im Departement Arauca, sowie dessen Ehefrau Luz Miriam Farías, eine Lehrerin in der Schule des Indigenengebiets.

Bewohner sogenannter »Friedensgemeinden« und »humanitärer Zonen« sowie anderer Gemeinschaften, die öffentlich auf ihrem Recht beharrten, nicht in den Konflikt hineingezogen zu werden, wurden im Berichtsjahr erneut bedroht oder getötet.

Am 16. August sollen Paramilitärs in der Uferregion des Flusses Curvaradó im Departement Chocó die Bevölkerung gewarnt haben, Paramilitärs planten die Ermordung von Enrique Petro, eines Bewohners der afro-kolumbianischen »humanitären Zone« Curvaradó. Im März hatten Angehörige der Streitkräfte ihm vorgeworfen, Verbindungen zu Guerillagruppen zu unterhalten. Die Paramilitärs erklärten außerdem, weitere Bewohner der »humanitären Zone« Curvaradó töten zu wollen.

Am 15. August musste in Tierra Alta im Departement Córdoba ein Familienmitglied den Leichnam von Nelly Johana Durango identifizieren. Augenzeugenberichten zufolge war die Frau am 4. März von Soldaten aus dem Haus ihrer Familie verschleppt worden. Die Armee gab hingegen an, sie sei ein Mitglied der Guerilla gewesen und »im Kampf« getötet worden. Seit 1997 sind über 160 Bewohner von »Friedensgemeinden« ermordet worden – die Mehrzahl durch die Hand von paramilitärischen Gruppierungen oder Angehörigen der Sicherheitskräfte, einige aber auch von Guerillaeinheiten.

Entführungen

Die Zahl der Entführungen nahm erneut ab, von 800 im Vorjahr auf 687 im Berichtszeitraum. Bewaffnete Oppositionsgruppen, vornehmlich die FARC, waren für etwa 200 und damit für die meisten der im Kontext des bewaffneten Konflikts verübten Entführungen verantwortlich. Paramilitärs sollen zehn Menschen verschleppt haben. 267 Entführungen wurden gewöhnlichen Straftätern zugeschrieben, während in etwa 200 Fällen die Verantwortlichen nicht ausgemacht werden konnten.

Am 26. Juni soll die FARC Camilo Mejía Restrepo, seine Ehefrau Rosario Restrepo, den Sohn des Ehepaars und einen Neffen im Departement Antioquia entführt haben. Berichten zufolge töteten die Entführer Camilo Mejía auf der Flucht vor den Behörden und verletzten seinen Neffen.

Am 7. Juni verschleppte die ELN Javier Francisco Castro im Verwaltungsbezirk Yondó des Departements Antioquia. Sie warf ihm offenbar vor, Verbindungen zu den Sicherheitskräften zu unterhalten. Bis Ende des Berichtsjahrs fehlte noch jede Spur von ihm.

Am 27. April töteten Unbekannte in Dosquebradas im Departement Risaralda die Schwester des früheren Staatspräsidenten César Gaviria Trujillo, Liliana Gaviria Trujillo, und ihren Leibwächter Fernando Vélez Rengifo. Bei der Tat soll es sich um einen gescheiterten Entführungsversuch gehandelt haben. Nach Darstellung der Behörden hatte die FARC die Entführung angeordnet.

Gewalt gegen Frauen

Angehörige aller Konfliktparteien waren im Berichtsjahr erneut für Drohungen, Entführungen, sexuellen Missbrauch und Tötungen von Frauen und Mädchen verantwortlich.

Am 22. Oktober sollen zehn Soldaten in das Haus einer Frau im Verwaltungsbezirk Puerto Lleras des Departements Meta eingedrungen sein. Berichten zufolge vergewaltigten vier der Soldaten die Frau anschließend vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes. Nachdem sie die Vergewaltigung bei den Behörden zur Anzeige gebracht hatte, wurde das Opfer Berichten zufolge bedroht.

Am 9. April wurde nach vorliegenden Meldungen im Verwaltungsbezirk Fortul des Departements Arauca eine Frau von Guerillakämpfern vergewaltigt.

In der Stadt Barrancabermeja im Departement Santander vergewaltigten und töteten Paramilitärs am 21. März Yamile Agudelo Peñaloza, die der Frauenrechtsorganisation Organización Femenina Popular angehörte. Ihr Leichnam wurde am folgenden Tag gefunden.

US-Militärhilfe

Die Kolumbien von den USA gewährte finanzielle Unterstützung belief sich im Berichtszeitraum auf schätzungsweise 728 Millionen US-Dollar, wovon 80 Prozent auf Militärhilfe und Unterstützung der Polizei entfielen. Im Juni hielt der US-Kongress die Zahlung von 29 Millionen US-Dollar mit der Begründung zurück, die Regierung in Washington habe sich nicht angemessen mit dem Kongress über das Verfahren abgestimmt, nach dem 25 Prozent der US-Hilfe an Bedingungen im Hinblick auf Fortschritte der kolumbianischen Regierung und der Behörden der einzelnen Departements auf dem Gebiet der Menschenrechte geknüpft waren. Trotz dieser Entscheidung des Kongresses gab das US-Außenministerium die Gelder frei. Das Außenministerium willigte jedoch ein, mit Kongressabgeordneten und Vertretern von Menschenrechtsorganisationen in den USA Gespräche über den Konsultationsprozess bei der Zuteilung der Finanzhilfe und über etwaige Verbesserungsvorschläge zu führen. Mit rund 17 Millionen US-Dollar wurde der Demobilisierungsprozess paramilitärischer Gruppen in Kolumbien unterstützt, davon flossen fünf Millionen US-Dollar an das Gremium für Frieden und Gerechtigkeit der Generalstaatsanwaltschaft. Die US-Finanzhilfe war wie bisher an Bedingungen im Hinblick auf die Menschenrechte in Kolumbien geknüpft.

Das Kolumbien-Büro der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte

Obwohl in Berichten von Bestrebungen der Regierung die Rede war, das Mandat des Kolumbien-Büros der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte (UNHCHR) einzuschränken, vor allem im Hinblick auf dessen Beobachterrolle, gaben die kolumbianische Regierung und das UNHCHR im September bekannt, das bestehende Mandat des Büros werde um weitere zwölf Monate verlängert. In dem jüngsten im Januar veröffentlichten Bericht des UNHCHR über Kolumbien, wurde die Regierung aufgefordert, die Empfehlungen der Vereinten Nationen bezüglich der Menschenrechte umzusetzen und den seit langem zugesagten Aktionsplan für Menschenrechte anzunehmen sowie den Schutz für Menschenrechtsverteidiger in Kolumbien zu verbessern. Das UNHCHR richtete sich zudem an alle Konfliktparteien mit der Forderung, das Recht auf Leben zu respektieren und von willkürlichen und wahllosen Angriffen, Entführungen, der Rekrutierung von Kindersoldaten und sexueller Gewalt Abstand zu nehmen. Der Bericht empfahl außerdem, die rechtlichen Bestimmungen über die Demobilisierung illegaler bewaffneter Gruppen an Menschenrechtsstandards anzupassen und dabei unter anderem das Recht der Opfer auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung zu wahren. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte stellte den Bericht bei der zweiten regulären Sitzung des neu geschaffenen UN-Menschenrechtsrats am 28. September vor.

Berichte und Missionen von amnesty international

Berichte

Colombia: Reporting, campaigning and serving without fear: The rights of journalists, election candidates and elected officials (ai-Index: AMR 23/001/2006)

Colombia: Open letter to the presidential candidates (ai-Index: AMR 23/013/2006)

Colombia: Fear and intimidation: The dangers of human rights work (ai-Index: AMR 23/033/2006)

Missionen

Vertreter von amnesty international reisten im Februar, März und Oktober nach Kolumbien.

 

von medea veröffentlicht in: Berichte
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Mittwoch, 7. mai 2008

Schnell wurde der Bauch meiner Mutter beängstigend grösser, bis sie es nicht mehr verheimlichen konnte. Irgendwann sprach die Tante sie darauf an und es gab ein gewaltiges Donnerwetter. Kurz Mutter wurde mit Schimpf und Schande aus dem Haus geworfen. Es gab nur einen Ort wo sie hin konnte, in die Stadt zu ihrer Mutter, welche sie vor 18 Jahren bei der Tante zurückließ. Natürlich hatte sie Angst, war gleichzeitig froh um auf andere Gedanken zu kommen, den Tankstellenbesitzer nicht mehr sehen zu müssen und natürlich auch um ihre anderen Geschwister endlich besser kennen zu lernen. Sie kannte die Stadt bisher nur durch kurze Besuche und hat sich noch nie Gedanken darüber gemacht wie es sein würde dort zu leben. Dort in der Stadt wo ihresgleichen vor allem in einem der grössten Slums Südamerikas lebten, welches die grösste Siedlung dunkelhäutiger Menschen ausserhalb Afrikas sein soll.

Doch solche Gedanken machte sich meine Mutter nicht, noch nicht. Sie fühlte sich verloren, beobachtet. Während in ihrer Heimatstadt Weisse nur ab und zu anzutreffen waren, hier waren sie überall. Überall wo es Arbeit gab waren zuerst einmal die Weissen. Wie Kletten hingen sie an den gut bezahlten und sicheren Arbeitsplätzen und nur wenige Schwarze schafften den Sprung aus den üblichen Jobs wie Dienstmädchen, Putzfrau, Bauarbeiter, usw. in ein Büro, in die Stadtverwaltung oder sogar auf die Universität um zu studieren.

Die erste Zeit bei meiner Grossmutter wartete meine Mutter vor allem darauf, dass ich endlich geboren werde. Der Schreck war gross, als ausser mir noch mein Bruder 2 Minuten später hinterher kam. Meine Mutter verlor viel Blut, man hatte Angst, dass sie stirbt. Jahre später erzählte sie mir, dass sie im Krankenbett alles gehört und gesehen hat aber unfähig zu einer Bewegung war, nicht mal die Augenlieder konnte sie bewegen. Sie hatte Angst, dass man sie lebend begraben würde. Soweit kam es jedoch nicht und bald fing für Mutter der Alltag an.


Mutter spürte immer mehr, dass sie in diesem Haus eher nur geduldet und nicht erwünscht war. Sie fühlte sich wie ein Eindringling in diese fremde, von ihr durch die ganze Kindheit aufs innigste herbeigesehnte Welt der Mutter. Sie erwartete Geborgenheit, Liebe, Zärtlichkeit, kurz alles, was sie sich durch ihre Kindheit hindurch oft nachts alleine traurig im Bett herbeiweinen wollte, als sie immer diese schwarze Leere des alleingelassen Seins fühlte. Nein, einfach war es nicht, immer zu fühlen, dass man nicht dazu gehört und Mutter entschloss sich, etwas dagegen zu tun.

Und Mutter hatte Glück! Sie fand eine Stelle in einem internationalen Hilfsprojekt wo mittellose Menschen billigst medizinische Versorgung erhielten und fand einen Platz in einem Projekt von Nonnen, wo sie das Abitur nachmachen konnte.

Ihre Mutter und Familie waren bereit zu mir und meinem Bruder zu schauen während meine Mutter arbeitete oder zur Schule ging. Dafür übergab meine Mutter ihren ganzen Verdienst meiner Grossmutter. Wir Kinder hatten jedoch nicht viel davon.

Sobald Mutter aus dem Hause war bekamen wir es zu spüren, dass wir nicht dazu gehörten. Kein Schwein kümmerte sich um uns, oft lagen wir von Morgensfrüh bis zur Rückkehr von Mutter in den gleichen Windeln und wir wurden nur auf das notdürftigste versorgt. Auf unser Weinen wurde kaum reagiert, höchstens mit Schlägen, Geschrei. Liebe gab es erst für einige Augenblicke wenn Mutter gegen 22 Uhr todmüde von der Schule kam. Zu dritt lagen wir dann im kleinen Bett von Mutter und hatten endlich das wonach wir den ganzen Tag über schrien.

Und der Tag von Mutter hatte es in sich. Montag bis Samstag arbeitete sie von 7 Uhr früh bis gegen 17 Uhr im Projekt als Hilfsschwester. Ohne Pause gings in die Schule bis 22 Uhr abends. Mutter hatte nur den Sonntag für uns.

von medea veröffentlicht in: Biographie Community: Sprechen durch Schreiben
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Mittwoch, 7. mai 2008

Wie seit vielen Nächten schleppt sich das junge, schöne Mädchen mit dem Hauch von Verruchtheit und ewiger Jungfräulichkeit Richtung des Tales, vor dessen Betreten sie seit damals Furcht hat, als die ganze Familie gezwungen war ein anderes, das Tal ihrer Erde zu verlassen, da mächtige Männer aus der großen Stadt gekommen sind um das bißchen Erde welches der ganze Besitz und Stolz der Familie war zu übernehmen. Lange sträubten sie sich, die par Hektar karge Heimat aufzugeben, doch die Grausamen aus der Stadt töteten einige ihrer Brüder, vergewaltigten regelmäßig alles was Frau war oder bald werden würde, bis schließlich der Vater den zerstörten Überrest einer einst heilen Familie in diese Stadt führte, in dieses von Neid, Angst und Tod zerfressene Tal am Rand der großen Stadt, die nachts mit ihren gleißenden Lichtern Verlockung und ein wenig Wohlstand verspricht.

Je näher die Lichter aus dem Tal rücken, desto tiefer spürt „Erendíra“ die Entwürdigung als tiefen stechenden Schmerz zwischen ihren Beinen, als gierige Hände an ihren bereits erblühten, straffen Brüsten. Wie viele wa­ren es diese Nacht, die für einige Pesos auf sie stiegen, rücksichtslos die Tränen und das Schmerzgestöhn dieses jungen, erst am aufblühenden Frauenkörpers als Lust empfanden? Dieses stechende Gefühl, als würde man ihr innerstes verbrennen ertrug sie zum ersten mal vor drei Jahren, als „Erendíra“ knapp 11 Jahre alt neben dem Körper eines ihrer toten Brüder mehrmals rücksichtslos genommen wurde als wäre sie eine läufige Hündin. So erlebt sie den Mord an ihrem Bruder, täglich neu bis zwanzig mal, durch diesen entsetzlichen entwürdigenden Schmerz in ihrer Seele.

 

Mit Gedanken versucht „Erendíra“ die Angst vor ihrem einsamen , gefährlichen Nachhauseweg zu bekämpfen, denkt an das bißchen Kindheit welches sie hatte, an die vor Gram gestorbene Mutter, ihre Brüder. Wie konnte sich der Vater in diesem Tal nur so verändern? Früher, auf ihrem Stückchen Heimat war er ein muti­ger, stolzer Mann, niemand beherrschte die Pferde so wie er. Selbst die wildesten „yeguas“ machte er sanft und es war eine Augenweide ihn auf dem Pferd zu sehen. Als wäre er mit dem Tier verwachsen vollführte er die schwierigsten Kunststücke, .man hat ihn nie Schreien, ein Tier, seine Frau oder Kinder schlagen sehen. Er war so groß, dieser wilde zarte Mann, daß er Gewalt nicht brauchte. Nie zeigte er seinen Schmerz, selbst an den Gräbern seiner Söhne sah er aufrecht und mit funkelnden Augen in die Gesichter der Trauergäste, mit Augen, die jedermann Furcht einflößten, wenn der wilde feurige Blick sie traf.  Doch heute sind diese Augen erstarrt, leer. Der Alkohol, „Basuco“ haben das Klingen der Seele des Vaters verstummen lassen. Jetzt schreit und schlägt er immer öfters die übriggebliebe­nen Kinder, ist kaum mehr nüchtern, bewegt sich ruhelos wie eine gefangene Wildkatze in der kleinen, ver­gammelten Bretterbude, wo es rein regnet und beim großen Regen der Boden wie ein Sumpf ist, wo der Rest der Familie in zwei Bettähnlichen Rohrgestellen mit durchgeweichten, irgendwo auf dem Abfall gefundenen Matratzen, abwechselnd schlafen muß.

  Würde sie dieser gebrochene Mann auch heute wieder schlagen, der Mann der einst ihr stolzer Vater war und vor dem sie immer weniger Achtung und immer mehr Angst hatte? Würde er auch heute so besoffen sein, daß er versuchen wird auf seine eigene Tochter zu steigen, auf die Tochter, auf die er früher ob ihrer großen Schönheit so stolz war und welche er nun schlägt weil sie anschaffen geht um das überleben zu fi­nanzieren, welche er auch schlägt wenn sie mal nicht anschaffen gehen will?

 

Wie sich doch ihre Welt verändert hat seit damals als man die geliebte Heimat verlassen hat. Ihre restlichen Brüder haben einen Namen durch ihren Wagemut als Mitglieder in einer dieser Jugendbanden, die das Tal so unsicher und lebensfeindlich machen. Täglich hat „Erendíra“ Angst, daß sie bei ihrem einsamen Nachhauseweg plötzlich vor einem ihrer übriggebliebenen Brüder stehen könnte, mit starrem Blick, verzerrtem Gesicht, verkrampften Gliedern auf der Straße liegend, hingerichtet von einem dieser „Todesschwadrone“ oder einer anderen Bande. Gott scheint die Familie verlassen zu haben, als sie ihre geliebte Heimat verlassen hat, als würde er ihnen diesen Verrat am Aufgeben der Erde nie verzeihen und nun Elend über Elend auf die gebeu­telte Familie schleudern. Ob es nicht besser gewesen wäre auf dem Stückchen Heimat zu bleiben, nach und nach zu sterben, zu sterben auf der geliebten Erde und nicht hier in diesem von Gott und der Welt vergesse­nen Tal? Alle sind sie längst tot durch die Schande, die Entwürdigungen, durch das erbärmliche vegetieren im Nirgendwo, angesiedelt im Nichts, nicht Mensch nicht Straßenköter.

 

„Erendíra“ erreicht nun den Beginn wo der Asphalt verlorengegangen schien, sich die Straßenlaternen ob der alltäglichen Furchtbarkeit zurück gezogen haben, vor lauter Entsetzen zuerst das leuchten vergaßen um schließlich, ob all der abscheulichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Nichtexistenz in diesem Teil des Tales dem Zeugen sein vorzogen. Diese Lichter, die Sicherheit vorgaukelten, die stummen Zeugen von Vergewaltigung, Kampf, Tod existieren nur noch in den Erinnerungen derjenigen, die das Pech hatten weit nach Einbruch der Dunkelheit dazu verdammt zu sein diesen einsamen Raum betreten zu müssen.  

Das Mädchen bleibt müde stehen, ist viel zu ausgelaugt um noch Angst zu empfinden, beinahe Gleichgültig betrachtet sie die Büsche und Schatten wo jederzeit jemand lauern konnte um sie auszurauben, sich an ihr zu befriedigen wie bereits öfters. Seit ihre Brüder einige dieser Eindringlinge töteten, hat es sich herumgesprochen, daß man „Erendíra“ nicht ungestraft entehren darf. Es hat sich auch herumgesprochen, daß sie die Schwester einiger „bandilleros“ ist und ab und zu lauern ihr verfeindete Banden ihrer Brüder auf um durch „Erendíra“ Schande über die Familie zu bringen.

 

Sie setzt sich auf einen ihr lieb gewordenen Felsbrocken, fühlt sich beinahe wie früher, als sie fern der Stadt in ihrer Heimat tagelang da saß und fröhlich in den Tag hinein träumte, die Ziegen und Schweine der Familie hütete. Auch jetzt träumt „Erendíra“, träumt von Geborgenheit bei einem Mann der so ist wie es Vater war, träumt von Liebe, Leidenschaft die sie nur als Schmutz und Schmerz kennt und worüber ihre Freundinnen ihr immer erzählen, wenn sie sich morgens nach einem durchgetanzten Samstag in einer dieser billigen, schmuddeligen „Salsotecas“  bei „Chito’s tienda“ zum plaudern trafen. Noch nie hat sie einen Freund gehabt, jemanden der ihr lieb war und ihr kleine Geschenke brachte, nachts unter ihrem Fenster pfiff. Niemand will etwas mit ihr, der Hure zu tun haben, außer sie gelegentlich zu nehmen, wenn sie im Basuco Rausch die täglichen Entwürdigungen zu vergessen versuchte, apathisch da lag, nicht spürte wer und wie oft man über sie hinweg stieg.

 

Freilich gibt es einen jungen, verwegenen Mann; „Bambinas“, der Anführer der Bande „el combo de la muerte“. Stolz sieht er aus, wie ein Guerillero wenn er mit seiner Maschinenpistole und den umgehängten Handgranaten mit seiner Bande durch das Viertel zieht, auf jagt geht nach Feinden die im Viertel Terror verbreiten. Seit „Erendíra“ diese schwarze Wildkatze zum ersten mal sah wußte sie, dies ist der Mann dem sie sich hingeben wird, freiwillig, mit Leidenschaft und scheu als wäre sie immer noch Jungfrau und nicht gefüllt vom Ekel der drei Jahre absämerei. So oft es geht sucht sie seine Nähe, nur ein Blick von ihm und sie ist glücklich, läßt sie vergessen was man ihr antut. Wild, als wären es die ehemaligen Augen ihres Vaters, begleitet sie den heimlichen Geliebten so lange sie ihm mit den Blicken folgen konnte.

 

Einmal versteckte sie ihn in ihrer Hütte, als eine Bande wild gewordener Todesschwadrone durch das Viertel zog und alles umbrachte was um diese Uhrzeit jung, und noch irgendwo im Staub der Straßen hockte. Nie wird sie vergessen, wie in dieser Nacht das Viertel ohne Schutz war und diese Rächer der elitären Gesellschaft dreiundzwanzig Leben zerstörten, Leben, die zum teil noch Kinder waren wie der kleine, neun jährige „Pablito“ welcher von seiner Mutter geschickt wurde um bei „Pacho’s tienda“ ein wenig Öl zu kaufen und direkt in die Kugeln rannte. Man erkannte ihn kaum mehr, eine Ladung Schrott fetzte ihm das halbe Gesicht weg.

 

Aus irgend einem Grunde war „Bambinas“ in dieser Nacht nicht mit seiner Bande unterwegs, daß er beim großen Stein am Eingang zum Tal auf sie wartete erzählte er ihr erst später. „Erendíra“ jedoch ging an diesem Tag früher als sonst nach Hause, es gab kaum Kunden und der Tag lief schlecht. „Bambinas“ hörte die Schüsse bei „Erendíras“ Stein, während diese sich im Gerümpel unter einer der Schlafstätten versteckte. Was soll er tun, ins Viertel und kämpfen, „Erendíra“ entgegen gehen und ihr endlich seine Gefühle zeigen? Er entschied sich fürs Viertel obgleich ihm die Angst um das Mädchen beinahe den Verstand raubte, stürmte in wilden Sätzen ins Viertel zurück. Während er im Schatten der Büsche am  Fußballplatz vorbei jagte kroch „Erendíra“ innerlich getrieben aus dem Gerümpel raus, entfernte einige Bretter am Hinterteil der Hütte und schlich im Schutze der Nacht und des „Guadua“ den Hang zum „río Aguacatal“ runter. Sie kam gerade rechtzeitig um zu sehen wie „Bambinas“ kurz nach dem Fußballplatz von drei Motorräder in die Klemme genommen wurde. „Bambinas“ schoß den einen runter, hetzte mit langen, kräftigen Schritten zum Flüßchen, direkt auf „Erendíra“ zu. „Erendíra“ sah diesen wilden Körper auf sich zujagen, erschrak als er strauchelte, mit einem letzten gewaltigen Satz und grellem Schrei über das Flüßchen hetzte und hinfiel. Das Mädchen vergaß Angst und Tod, war in wenigen Sprüngen bei ihm, nahm die Waffe, schleppte mit der Kraft der Verzweiflung den Verletzten den Hang hoch, zurück durch das Loch in der Wand ihrer Hütte und stopfte ihn zu dem Gerümpel unter dem Bett.

 

„Erendíra“ war erleichtert, als die Schüsse verstummten und sich der Lärm der Motorräder in der Nacht verlor, doch noch stundenlang saß sie in der Ecke hinter der Tür, wimmerte, aus Angst des überstandenen, aus Angst um „Bambinas“, der leise vor sich hin stöhnte. Erst als „Juancho“, ihr ältester Bruder in die Hütte kam, traute sie sich zu bewegen und gemeinsam zogen sie den Verletzten aus dem Gerümpel unter dem Bettähnlichen Gestell. Seine Wunde war nur klein, er würde jedoch einige Zeit kaum mehr die dunklen Aufgänge im Viertel hoch hetzen können. Die Angreifer hatten die Hütte wo „Bambinas“ mit seiner Familie lebt total zerstört, sie wußten also wo er lebt und konnte sich nicht nach Hause wagen. Gott sei dank war niemand von der Familie anwesend gewesen, „Bambinas“ jedoch schwor blutige Rache für den kleinen „Pablito“, sein zerstörtes Zuhause...

 

„Erendíra“ schrickt aus ihren Erinnerungen auf, hört einige Stimmen und versteckt sich hinter ihrem Stein. Als sie ihre Brüder, „Bambinas“ und andere bekannte Stimmen aus dem Viertel hörte stand sie auf, ging den Freunden entgegen. Sie waren gekommen um sie abzuholen, hatten genug vom herumlungern und verkürzten sich so die Zeit. „Erendíra“ errötete beim Gruß „Bambinas“ und dieser ließ sie nicht aus den Augen.

Seit jenem Tag, als sich der junge Krieger unter ihrem Bett versteckte, war auch in „Bambinas“ etwas anders geworden, fühlt er sich unbeobachtet, schaut er mit tiefster Zärtlichkeit auf die ewig schöne Erendíra, heimlich schreibt er ihr Gedichte um sie danach als Schiffchen den „„río Aguacatal““ runter zulassen. Auf dem Weg ins Viertel malt sich Erendíra aus wie schön sie in einem Brautkleid an der Seite dieser schwarzen Raubkatze aussehen würde.

 

Es sollte noch viele hundert Tote kosten, bis Erendíra und „Bambinas“ den Mut fanden sich ihre Liebe zu gestehen. Als es so weit war, wurde Erendíra gerade sechzehn und „Bambinas“ hatte nach einigen üblen Verletzungen das bewaffnete herumstrolchen aufgegeben. Ansonsten hat sich nicht viel geändert in unserem Tal, mal ist es ein wenig ruhiger, doch nachts sind sie immer noch zu hören die Schüsse, die uns in den Schlaf geleiten und beruhigen, da man hört wie weit entfernt die Auseinandersetzungen stattfinden und wir warten immer noch auf die Rückkehr der Straßenlaternen die vor Schreck zu leuchten vergaßen. Ob die Kinder von „Erendíra“ und „Bambinas“ sie werden leuchten sehen?  

 

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Mittwoch, 7. mai 2008

Mutter wurde ungefähr im September 1968 geboren. So genau weiss dies jedoch niemand. Jedenfalls wurde sie im Jahre 1968 im einzigen Notariat des Fischerstädtchens, welches auf drei Inseln in den Mangroven gebaut ist, registriert. Meist ist es am Geburtstag wo man ihr anmerkt, dass es sie schmerzt nicht genau zu wissen, an welchem Tag, in welchem Jahr, sie geboren wurde. Längst hat sie es aufgegeben meine Grossmutter danach zu fragen, denn Jahr für Jahr bekam sie immer eine andere Antwort.

Sie hatte es nicht leicht meine Mutter, aus irgend einem Grunde war sie eher eine Belastung als eine Tochter. So kam es, dass meine Grossmutter das Fischerstädtchen verliess als meine Mutter 2 Jahre alt war und ihre ledige, jüngere Schwester, eine der Tanten meiner Mutter damit beauftragte sie grosszuziehen. Niemand ahnte zu dieser Zeit, dass Mutter und Tochter erst wieder in 18 Jahren zusammenfinden würden.

Grossmutter wollte in die grosse Stadt, Geld verdienen um vielleicht bald zurückzukehren um sich ein Haus zu bauen. 40 Jahre sind vergangen und Grossmutter lebt immer noch am Rande der Stadt. Mittlerweile hat sie ein kleines Häuschen, verschliss bereits den zweiten Ehemann und hat sieben weitere Kinder. Ihren Traum vom kleinen eigenen Haus in ihrer Heimat hat sie längst im Schutt des Alltags verloren. Sie ist zufrieden, wenn es einwenig Arbeit gibt und sie die vielen Münder stopfen kann, mehr will sie nicht mehr. Ihr Traum ist jetzt das Himmelreich welchen ihr so eine sektiererische Freikirche a la "made in USA" in den Kopf gesetzt hat. Tag für Tag geht sie missionieren, sie muss wenn sie in den Himmel kommen will. Und für den Himmel tut sie alles! Vernachlässigt die Arbeit, die Kinder, das Leben, den letzten Ehemann welcher sich über die letzten Jahre damit begnügte auf dem Schemel vor dem Haus zu sitzen und sich stoisch in den tod soff. Das Himmelreich war zuviel für ihn.

Über ihren Vater weiss Mutter nicht viel. Er war einer dieser Reisenden welche überall im Grenzland ihre schnellen Geschäfte machen und an vielen Orten Frau mit Kinder haben. Zweigniederlassung nennt man dies. Ab und zu war er für einige Wochen zu Hause um nach kurzer Zeit und Schwängerung der Frau erneut loszuziehen. Leider starb er als Mutter noch sehr klein war. Zeit seines Lebens sagte er, dass er stehend begraben werden wolle. Der Totengräber weigerte sich jedoch dies zu tun. Doch nach einigen schlaflosen Nächten mit schlechtem Gewissen und Angst vor dem Geist meines Grossvaters erfüllte er ihm den Wusch, budelte ihn aus, vegrösserte das Grab um ihn aufrecht reinzustellen. Darüber spricht man noch Heute, nach über 30 Jahren im Heimatstädtchen meiner Mutter.

Mutters Tante war eine lebensfrohe, kräftig gebaute Frau mit unglaublich schönen Gesichtszügen. Sie war Lehrerin, was ihr im Fischerdörfchen eine gewisse Autorität gab. Sie arbeitete ziemlich weit in den Mangroven draussen in einem kleinen Nest als Lehrerin. Da der Weg sehr weit war, blieb sie meist von Montag bis Freitag in dem kleinen Nest und überliess die Erziehung meiner Mutter vor allem ihr selber, der zweiten Tante, den Cousinen und dem Dienstmädchen welches ebenfalls noch Kind war und von der Tante mit Essen und Bildung bezahlt wurde.

Die Zeit war hart. Geprägt von Vernachlässigung und Schlägen entwich meine Mutter der Kindheit. So oft sie konnte floh sie aus der dunklen Bretterbude auf die Gasse wo es hell war, die Sonne wärmte und Menschen waren. Ihre Brüste fingen gerade an zu spriessen, als sie auch vor einem Cousin fliehen musste, der sich eines nachts auf sie legte und in sie eindrang. Dieses Erlebnis machte sie noch einsamer, denn niemandem konnte sie davon erzählen, niemand schien die Veränderungen zu bemerken, Angst und Schmerz in ihren Augen wahrzunehmen wenn der Cousin wieder mal aus einem ganz bestimmten Grund zu Besuch kam. In dieser Zeit hatte sie nur eine Hoffnung, ihren Bruder der vor langer Zeit das Haus verliess um Geld zu machen und seither verschollen ist wiederzusehen. Der Gedanke an ihn gab ihr Kraft, Zuversicht.

Kurz, ihre Kindheit verging rasend, sie erlebte viel, erlebte sogar einen Tsunami als man dieses Wort in Europa noch mit einem südländischen Nachtisch verwechselte. 

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Mittwoch, 7. mai 2008

Mit meinen beiden Begleitern bin ich seit Einbruch der Dunkelheit unterwegs in den Vierteln, wo man als Ausländer oder privilegierter Bürger nicht allzu willkommen ist. So begleiten uns denn immer wieder aggressive Aufforderungen gefälligst zu verschwinden. Nur der Tatsache, daß meine Begleiter und ich "gute" Bekanntschaften in diesen Vierteln haben, ist es zu verdanken, daß wir noch heil sind.

 

Warum gingen wir in diese Viertel? Um mit Prostituierten ins Gespräch zu kommen wäre es weitaus einfacher in die Gegend der Hotels zu gehen, z.B. zum "Torre de Cali", in die Querstraßen vom "Hotel Intercontinental" , an die "Avenida sexta"...

 

Wir wollen jedoch nicht mit diesen privilegierten Huren plaudern, denen geht es noch relativ gut, die haben eine finanzkräftige Kundschaft. Ein großer Teil davon sind alleinreisende Herren aus den USA und Europa, die in irgend einem einschlägigen Magazin gelesen haben, daß Cali die Stadt mit den schönsten Frauen Südamerikas sei und die schnelle, käufliche Liebe die westliche Brieftasche kaum belastet. Diese Edelhuren haben kaum Probleme des Überlebens, höchstens mit ihrem Zuhälter, ihrem ewig sturz besoffenen und unter Kokain stehenden Partner.

 

Wir sind auf der Suche nach "Pilar", einem 13-jährigen, kaffeebraunen Mädchen mit großen traurigen Augen, welches sich wie seine nur einwenig ältere Schwester seit 1½ Jahren prostituieren muß, damit der blinde und gehbehinderte Opa, die seit Jahren kranke Großmutter, die arbeitslosen Eltern und einige noch jüngere Geschwister überleben können.

 

Ich lernte "Pilar" vor etwa einem Jahr kennen. Das war an der "sexta" im "Don Jaime". Da saß sie mit einem Europäer der kaum ein Wort spanisch konnte und trank eine Cola. Da ich nur einige Tische weiter saß, kam der Europäer zu mir und fragte, ob ich übersetzen könne. Er war ein Endvierziger aus Norddeutschland, mit einer gutgehenden Anwaltskanzlei, der bereits zum dritten mal "Sexurlaub" hier in Cali machte, weil er hier keine Strafverfolgung wegen Unzucht mit Minderjährigen gäbe. Nachdem er vor mir (europäisches Aussehen in der Fremde scheint zu verbinden) geprahlt hat, wie und was er am liebsten mit diesen Kindern mag, habe ich "Pilar" den Vorschlag gemacht mit mir einen Hamburger bei "Presto" essen zu gehen. Sie hatte jedoch angst, zwar mit vollem Magen aber ohne Geld nach Hause zu gehen und so schlug ich ihr vor, sie erzähle mir aus ihrem Leben und ich würde sie dafür bezahlen, wie es die Männer tun, die wild auf "unschuldiges Fleisch" sind. Seit dieser Zeit treffen wir uns öfters zufällig im Barrio "San Nicolas" wo sie arbeitet.

 

Inzwischen sind wir in diesem Viertel angelangt und gehen in einen ungepflegten und schmutzigen Spielautomatensalon, wo Mädchen jeglichen Alters auf Kundschaft warten und sich die Wartezeit mit dem Automatenspiel oder plaudern verkürzen. Da sitzt "Pilar" alleine an einem Tisch und versucht den Ekel vor sich selbst und die Schuldgefühle mit "Basuco"(südam. Form des Crack) zu betäuben. Keines der anderen Mädchen möchte in ihrer Nähe sein, denn "Pilars" Gesicht ist verunstaltet durch drei frisch genähte tiefe Wunden. Weil sie sich vor einigen Wochen auf dem Nachhauseweg gegen eine Vergewaltigung wehrte, hat sie der Typ mit seiner Machete gräßlich gezeichnet fürs Leben. Seit da hat sie es auch zu Hause schwer, denn nun ist kaum mehr ein finanzkräftiger Freier bereit für "Pilar" gut zu bezahlen, und so verkauft sie ihren knabenhaften Körper bereits für einen "Basuco"-Rausch. So fing ihre Karriere auch an, der Vater verkaufte seine Töchter an seine freunde für einen "Basuco"-Rausch. Er war immer ein gern gesehener Gast bei den Männerfesten im Viertel, da er jeweils eine der Töchter mitnahm und mit gönnerhafter Geste dieser besoffenen Männerrunde zur Verfügung stellte um sie fürs Gewerbe hart zu machen. denn wer Hunger hat, hat keine Zeit an seine Moral zu denken, das sei etwas für die Reichen und nicht für die, die froh sein müssen, wenn sie ihren Säuglingen und Kindern die Hungerschmerzen mit "Basuco" lindern können.

 

"Pilar" ist froh uns zu sehen und Gesellschaft zu haben und erzählt uns über die Mädchen, die an den Automaten spielen oder sich angeregt unterhalten.

 

"...Schau "mono"(Ansprache für hellhäutige Menschen), hier findest du kein einziges Mädchen, welches nicht täglich seinen "Basuco" Konsum braucht. Einige wie Beatric, welche dort mit den zwei Männern verhandelt, hat damit angefangen, um sich so das Geld für die Schule zu verdienen. Immer nach der Schule, noch in der uniform, kam sie her um mit einem freier irgendwohin zu fahren. Anfänglich hat sie es für ein paar Pesos gemacht, heute da sie das Geschäft kennt und weit herum das schönste Mädchen ist, erzielt sie die besten Preise. Ein "gringo" wollte sie letztes Jahr mit nach Miami nehmen, doch irgendwas hat mit dem Visum nicht geklappt, ich glaube, weil sie erst 14 wahr. Nun hofft sie, daß der "gringo" bald wieder kommt und es dann klappt.

 

Die meisten hier fangen um 3 Uhr nachmittags an und machen durch bis 5 Uhr morgens. In diesen 14 bis 15 Stunden haben wir etwa 20 Männer und verdienen so um die 20 000 Pesos pro Tag. Davon bezahlen wir 4 500 Pesos Zimmermiete täglich. mit dem Rest des Geldes zahlen wir Schutzgeld an Polizisten usw. wenn diese nicht mit unserem Körper bezahlt werden wollen, kaufen Kleider, essen. Das meiste Geld jedoch benötigen wir für dieses gottverdammte "Basuco". Ohne dieses Gift halst du deinen verschmutzten und verkauften Körper doch gar nicht aus, da jagen sich die Gedanken, du möchtest dich am liebsten umbringen. Denn kaum eine von uns hat irgend eine bessere Zukunft vor sich.

 

Wir enden doch alle gleich, irgendwann wird jede von uns von so einem Schwein umgelegt, oder dann von der "mana negra" (paramilitärische Gruppe). Deshalb brauche ich "Basuco", ohne "Basuco" habe ich Angst, Angst vor mir, vor allen und allem. Und voll mit "Basuco" erträgst du auch die Männer leichter, die dir manchmal furchtbar weh tun. Manchmal, da bete ich zu Gott er möge mir helfen, doch DER Gott ist nicht für uns, für den sind wir Scheiße wie für den Rest der Welt. Ich möchte raus hier, doch ohne Geld kann ich nicht in die Rehabilitation, und wenn ich es hätte, die würden mich kaum aufnehmen. Wir sind geprägt, gezeichnet, verdammt da weiter zu vegetieren wo wir sind, denn uns braucht man ja so wie wir sind, ohne Rechte, immer verfügbar.

 

Ich erschrecke, bin betroffen ob der Stimme wie dies "Pilar" sagt. Es ist nicht die Stimme des 13-jährigen Mädchens das mit seinen tiefen, großen, traurigen Augen vor mir sitzt. Es ist die Stimme einer reifen, vom Leben zutiefst gebeutelten und geknechteten Frau, für die es nicht mehr tiefer gehen kann. Dieses 13-jährige Mädchen, dessen Unschuld auf der Straße starb hat alle unvorstellbaren schrecken und Tiefen erlebt. Doch "Pilar" ist kein Einzelfall, es ist der Alltag der Menschen die in der „olla" leben. Der Menschen, für die es keine Rechte gibt, der Menschen, die immer ein wenig mehr als die privilegierte Minderheit bezahlen muß, der Menschen, die bei den sog. "Sozialen Säuberungen" mit dem Tode bezahlen.

 

Der jüngere Bruder "Pilars" kommt seine Schwester abholen und ich stecke ihr schnell 5000- Pesos in die Tasche, damit sie u Hause keine Prügel bezieht. Ich tue dies unbemerkt, denn "Pilar" ist zu stolz um ohne Gegenleistung etwas anzunehmen. denn das Leben hat sie gelehrt, "FÜR NICHTS GIBT ES NICHTS"!

 

Als wir auf der Straße stehen, bittet "Pilar" Mitglieder der Jugendbande "Los bacanes", und bis zur "quinta"(5. Straße) hoch zu begleiten. Wir sind froh um diesen Schutz, denn mittlerweile ist es weit nach Mitternacht und die Chance heil aus diesem brodelnden Pulverfaß von Leben und Gewalt zu kommen ist nicht besonders hoch. Während wir Richtung "quinta" gehen, lausche ich dem Salsa, der immer leiser wird und vom Alltag erzählt, denke an diesen norddeutschen Endvierziger mit seiner gutgehenden Anwaltspraxis, der stellvertretend für viele herhalten muß. Fast wünschte ich, er wäre jetzt hier, alleine in diesem von Gott und der Welt vergessenen Viertel.

 

Die Jungs die uns begleiten singen den Salsa weiter, der lief als wir aufbrachen:

 

Oigo el llanto que atraviesa el espacio

Para llegar a Dios.

Es el llanto de los niños que sufren

Y lloran de terror.

Es el llanto de las madres que tiemblan

Con desesperación.

Es el llanto,

Es el llanto de Dios.

Violencia, maldita violencia,

?Por qué te empeñas en teñir de sangre

La tierra de Dios?

?Por qué no dejas que en el campo nazca

Nueva floración?

Violencia, ¿por qué no permites que reine la pay,

que reine el amor,

Que puedan los niños dormir en su cuna

Sonriendo de amor?

Violencia ¿por qué no permites que reine la pay?

Es el llanto de Dios,

Es el llanto de Dios.

Es el llanto de una madre

Porque su hijo perdió.

Es el llanto del Supremo

Que en el calvario murió.

Si no existiera la violencia

Todo sería mejor,

Llora como lloró

Nadie debe de llorar...

¡Violencia! ¡Violencia!

¡Violencia! ¡Violencia!

Tú que todo lo destruzes,

Anda z dime la rayón.

Es el llanto del Supremo

Porqué su pueblo perdió.Es el llanto del Señor,

Es el llanto del Señor.

Llora como el lloró,

Nadie debe de llorar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Willi Tell


 

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Mittwoch, 7. mai 2008

Der Begriff  "Los Desechables" fehlt im Wörterbuch, schlägt man jedoch unter dem Verb "desechar" nach, liest man folgendes: Wertloses wegwerfen, zum Ausschuß werfen.

 

"Los Desechables" sind Vogelfreie der modernen Zeit, ohne Rechte. "Los Desechables" sind das Produkt dieser sozialen Zerrüttung welche durch alle Städte des Landes streift und immer schlimmer wird durch die liberale Politik nach Gringo Vorbild der jetzigen Regierung unter Cesar Gaviria, der die Politik die die USA in die wohl größte Krise ihrer Geschichte brachte, hier als Wundermittel zu verkaufen sucht.

 

Die Angst ist der ständige Begleiter dieser Menschen, denen von der Gesellschaft jegliche Existenzberechtigung abgesprochen wird. Sie werden geprügelt, beleidigt, umgebracht. Polizisten machen sich einen Spaß, indem sie nachts diese entwürdigten Menschen aufsuchen und sie mit ihren Schlagstöcken traktieren. <