Der Begriff "Los Desechables" fehlt im Wörterbuch, schlägt man jedoch unter dem Verb "desechar" nach, liest man folgendes: Wertloses wegwerfen, zum Ausschuß werfen.
"Los Desechables" sind Vogelfreie der modernen Zeit, ohne Rechte. "Los Desechables" sind das Produkt dieser sozialen Zerrüttung welche durch alle Städte des Landes streift und immer schlimmer wird durch die liberale Politik nach Gringo Vorbild der jetzigen Regierung unter Cesar Gaviria, der die Politik die die USA in die wohl größte Krise ihrer Geschichte brachte, hier als Wundermittel zu verkaufen sucht.
Die Angst ist der ständige Begleiter dieser Menschen, denen von der Gesellschaft jegliche Existenzberechtigung abgesprochen wird. Sie werden geprügelt, beleidigt, umgebracht. Polizisten machen sich einen Spaß, indem sie nachts diese entwürdigten Menschen aufsuchen und sie mit ihren Schlagstöcken traktieren.
"Los Desechables" wandern unermüdlich durch die Stadt auf der Suche nach "Recycling-Material" im Müll derer, die mehr Glück im Leben haben. Der Arbeitstag der "Los Desechables" ist hart, beginnt um 5 Uhr morgens und endet um 11 Uhr nachts. Immer am Wandern mit ihrem übergroßen Sammelsack auf dem Rücken, am Suchen, am Aufpassen, um nicht irgendwo in eine für sie gefährliche oder entwürdigende Situation rein zulaufen. Ausruhen können sie sich auf ihrer Wanderung nur an entlegenen Ecken, andernorts ist meist innerhalb weniger Minuten die Polizei da und prügelt sie fort.
Viele von Ihnen waren in "clinicas de reposo", wo man sie -wie es offiziell heißt- von ihrer Verrücktheit durch Elektroschocks heilen wollte und nur erreichte, daß sie ihr Gedächtnis verloren.
Ein Großteil dieser entmenschlichten, unermüdlichen Wanderer der Großstadt hatten mal alles in ihrem Leben. Es waren Frauen und Männer mit Familie und Arbeit. Nicht wenige sind gebildet, haben ein Universitätsstudium, sprechen fließend Englisch, können sachlich diskutieren, sind belesen von Sartre über Kant bis Plato.
Doch die Drogensucht hat sie ruiniert, das Teufelsgift "Basuco" hat sie in seine Krallen genommen, zum Sklaven gemacht und entmündigt.
Es fängt schleichend an, zuerst Probleme mit der Familie, Verlust der Arbeit. Dann verkauft man nach und nach die ganze Einrichtung des Hauses und der Mitbewohner. Denn die "Sehn-Sucht" nach diesem Gift ist gräßlich, man will zwar nicht aber MUSS. Man fängt an zu stehlen, geht ab und zu auf eine Baustelle arbeiten, kauft sich Basuco, obgleich man sich mit dem Tagelohn wieder mal eine sättigende Mahlzeit für die Familie besorgen wollte.
Aus kleinen Gelegenheitsdiebstählen entwickelt man sich nach und nach zum Kriminellen, der am Ende bereits für 5 000 Pesos (ca. 10.- DM) einen Mordauftrag erledigt. Doch das "Basuco" lähmt und zerstört immer mehr, die Familie trennte sich längst vom "Basucero" und schließlich taugt man für nichts mehr und wird zu einem der "Los Desechables", denen man noch vor einiger Zeit selber aus Spaß das Leben zur Hölle gemacht hatte.
Sah man früher selber verächtlich auf die armen Schweine die sich ihre Nahrung im Müll suchen und gleich aus dem Müllsack essen, findet man sich nun selber als solcher wieder. Durch das Papier sammeln usw. verdient man zu wenig um sich Nahrung und Sucht zu finanzieren, bekommt man doch für ein Kg. Papier ca. 40 Pesos (ca. 0,10 DM) und hat man an einem Tag 15 Kg. gesammelt, dann ist dies viel.
Allzu oft kann man sich nicht einmal mehr das "Basuco" beschaffen, begnügt sich mit den Resten von Lösungsmitteln, Schusterleim usw. die man im Abfall findet. Das Übel bei den Lösungsmitteln jedoch ist das Erbrechen. Erbrechen heißt Nahrungsverlust, so kratzt man das erbrochene gleich wieder zusammen um es erneut herunter zu würgen, wobei man es allzuoft noch gegen die hungernden, in der Stadt herumstreifenden Strassenköter verteidigen muß.
Längst hat man sich an den ein wenig süßen Abfallgeruch gewöhnt, den man selbst nach einem Bad im schmutzigen "Rio Cali" nicht los wird. Ebenso gewöhnte man sich daran in einer Erdhöhle am Fluß, unter einer Brücke oder in einer unbewachten, leeren Grabgruft auf einem der Friedhöfe zu schlafen. Unauffindbar sein entscheidet jede Nacht über Leben und Tod!
Die Nacht gehört den Paramilitärs, der "mano negra", den "Komitees" die sich für eine soziale Säuberung der Städte mit der Waffe einsetzen. Allzuoft sieht die Polizei weg, wenn sie auftauchen, kollaboriert mit ihnen oder ist selbst Freizeitmitglied. Beliebt ist der Einsatz zu zweit auf dem Motorrad, man fährt die bekannten Schlafplätze der "Los Desechables" ab und legt jeden um, der mit Lumpen oder Papier zugedeckt schläft. Die Schüsse locken keinen auf die Straße, man weiß ja, wer da in der Nähe umgebracht wird. Nur ganz selten setzen sich die Besucher der "tabernas" für die Todgeweihten ein, wenn sie das Hämmern der Maschinenpistolen, das Schreien in der Nähe des Fußballstadiums "Pasqual Guerrero" hören.
Der Tod eines "Los Desechables" findet höchstens Platz in den Medien, wenn es sich um ein Massaker handelt, oder wie in "Barranquilla", wo pervertierte Angestellte der "Universidad Libre" ein gewinnbringendes Geschäft mit ihnen machten.
Da Medizinstudenten sich die Leichen für Sezierungen selber besorgen müssen, baute ein an der Universität beschäftigter Gewerkschafter (Eugenio Castro Ariza) ein makabres, gut organisiertes Geschäft mit mindestens 14 Angestellten auf. Einige waren darauf spezialisiert, sich die geeigneten zukünftigen Sezierteile unter den "Los Desechables" der Stadt auszusuchen. Andere lockten sie dann in die Uni und knallten ihnen einen schweren Stock etwa in der Art über den Schädel, wie der Bauer seine Kaninchen fürs Schlachten tötet, zusätzlich mit einem Fangschuß zur Sicherheit. Daraufhin wurden sie im Kühlraum gelagert und die Studenten konnten ihren Bedarf bestellen. So brachte ein "Los Desechables" in Teilen verkauft bis zu 170 000.- Pesos (ca. 340.- DM).
Die ganze Sache wurde am 29. Feb. 92 aufgedeckt, weil eines der Opfer für tot gehalten wurde und aus dem Kühlraum fliehen konnte. Wie durch ein Wunder überlebte dieses Opfer den Keulenschlag und den Fangschuß, schleppte sich nach einigen Stunden ausharren im Kühlraum aus der Uni raus und suchte Hilfe. Doch Oscar Hernandez brauchte Stunden bis ihm einer der Polizisten glaubte. Bei der Durchsuchung der "Universidad Libre" fand die Polizei 14 Leichen und Teile von mindestens 40 weiteren.
"Los Desechables", lebend gelten sie nichts und tot lächerliche 170 000.- Pesos.
Mit einem dieser unermüdlichen Großstadtwanderer habe ich eine besondere Beziehung. Wir lernten uns kennen, als ich mal meinen Hausschlüssel vergaß und einige Stunden warten mußte bis einer meiner Mitbewohner nach Hause kam. Er saß mit seinem großen, schweren Sack an der Ecke unseres Hauses und wir fingen ein Gespräch an. Mit der Zeit entstand ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen uns.
Fernando wird noch dieses Jahr (1992) 48 Jahre alt, hat seine mittlerweile studierenden Kinder und seine Frau seit Jahren nicht mehr gesehen, denn er schämt sich, sich so in Lumpen und stinkend vor ihnen zu zeigen.
Seine Familie trennte sich von ihm, als er im "Hospital Departamental" mit vier Schüssen im Körper ums überleben kämpfte. Die tägliche Angst, ob der Vater und Ehemann gesund von seiner "Arbeit" mit dem Revolver zurückkommt hat die ganze Familie nervlich fertig gemacht.
Auch Fernando kam durch das "Basuco" in diese unwürdige Lebenssituation. Da er den Arbeitsplatz verloren hatte und für seine zwei Kinder eine bessere Zukunft wollte, fing er an, kriminelle Geschäfte zu machen. Er war einer der mutigsten und tollkühnsten Typen in diesem Geschäft bis ein gekaufter "pistoloco" ihn mit vier Kugeln zum gehbehinderten Krüppel machte.
Niemand in der Klinik sagte ihm, daß er den Metalleinsatz in seinem Bein nach einem Jahr wieder entfernen lassen muß, so ist das Ding heute noch drin und verursacht ihm gräßliche Schmerzen, da einige Schrauben inzwischen locker sind.
Durch befreundete Ärzte des Gesundheitspostens im "Barrio El Retiro" bekam ich die Gelegenheit alle nötigen Untersuchungen für Fernando kostenlos zu erhalten. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, welche menschenunwürdigen Situationen und Repressionen wir beide erleben müssen.
Allein kam Fernando trotz ärztlichem Attest nirgends rein, weder zum Röntgen noch zu einer ersten ärztlichen Untersuchung im "Hospital Departamental" und selbst im Selbstbedienungsrestaurant wurde ihm verweigert für uns einen "tinto" (schwarzer Kaffee) zu kaufen, obgleich er das Geld dazu in der Hand hatte.
Allein meine Gegenwart reichte aus; das röntgen seines Beines war in einer halben Stunde erledigt und Fernando wurde plötzlich mit Señor angesprochen. Da war plötzlich eine ärztliche Untersuchung in nur zwei Stunden Wartezeit zu haben, während Fernando alleine ganze zwei Tage von 5 Uhr morgens bis 6 Uhr abends erfolglos gewartet hatte. Typisch waren dann die Bemerkungen des Arztes, welcher erstaunt fragte, warum er denn nicht früher gekommen sei. Dieser Mann in weiß, welcher über die sozialen Bedingungen in seinem Lande keine Ahnung hat, gab sich erstaunt, als ich ihm provokativ schilderte wie es den "Los Desechables" geht, wenn sie ihr in der Verfassung garantiertes Recht auf ärztliche Versorgung geltend machen wollen, ganz zu schweigen davon, wie sich jemand 200 000.- Pesos (ca. 400.- DM ) für eine wichtige Operation ersparen kann, der täglich höchstens 800.- Pesos (ca. 1.60 DM ) verdient?
Anfangs war es schwer für mich all die Repressionen, sobald ich mit Fernando zusammen wahr, gelassen zu ertragen, ich reagierte mit Magenschmerzen und Herausforderungen, konnte nicht verstehen, wie der einst so stolze und mutige Unterweltler, der in Cali eine Legende ist, dies so gelassen ertragen konnte.
Mit der Zeit lernte ich in seinen Augen zu lesen, seinen stahlblauen Augen, die immer noch sichtbar machen, welche Persönlichkeit und Kämpfer dieser von der Gesellschaft geprügelte Mann trotz allem noch ist. Ein Glück für die die ihn treten, daß Fernando nun an die Gewaltlosigkeit glaubt. Trotz seines behinderten Beines wäre es für diesen schmächtigen, schnellen und starken, in vielen Kämpfen erprobten "Paria der Gesellschaft" leicht mit diesem "Pack" aufzuräumen.
Davon bekomme ich immer wieder eine Ahnung, wenn er mich in die "olla" begleitet. Die meisten begegnen ihm mit Respekt, helfen ihm seinen Sack zu tragen und die Tatsache, daß er sich mit mir "Privilegiertem" abgibt ist die beste Versicherung für meine Unversehrtheit.
Durch Fernando bekomme ich immer die Informationen, welche in der täglichen Presse fehlen. Über dieses Wochenende 15 "Los Desechables" umgebracht, letzte Nacht sieben an einem einzigen Schlafplatz. Offiziell hat Cali wöchentlich 60 Mordopfer, doch allein die Berichte von Fernando kommen manchmal in die Nähe dieser Zahl.
Fernando hat eine sehr minimale Bildung, besuchte die Schule bis zum ersten "bachillerato". Durch die Jahre seines entwürdigenden Daseins, fing er an, sich selber weiterzubilden. Er las alles was er im Abfall auftreiben konnte, Zeitungen, Bücher, die Arbeiten von Studenten. Seit er mal was von Ghandi gelesen hat, ist für ihn Gewaltlosigkeit zum höchsten Prinzip geworden und er spricht über "Satygraha" als hätte er viele schlaue Vorlesungen besucht. Und das Besondere, Fernando konsumiert kein "Basuco" mehr, höchstens ab und zu mal Marihuana.
Denn er möchte raus aus diesem Leben, schuftet wie ein Tier und doch reicht es nicht für mehr als den Hunger ein wenig zu stillen. Fernando träumt davon, sich für 10.000.- Pesos eine Schuhputzausrüstung kaufen zu können oder auf dem Schwarzmarkt eine Stange Zigaretten für 4.000.- Pesos zum Wiederverkauf. Kann er am Tag nur 10 Paar Schuhe putzen, hat er 3.000.- Pesos. Mit dem Gewinn könnte er sich in kurzer Zeit ein Zimmer, saubere Kleider leisten und vielleicht würde ihn dann seine Familie wieder aufnehmen.
Es war bei einer Diskussion vor unserer Haustüre über Ghandis Ideen, als die kultivierte Nachbarin, die eine Tochter in Genf hat und ein Jahr dort lebte, die Polizei anrief, weil sie sich durch uns beide bedroht fühlte. Seit dem spricht diese Nachbarin kein Wort mehr mit mir, während sie vorher meinte, eine besondere Beziehung zu mir zu haben, da ich Staatsbürger des Landes bin, wo ihr Töchterchen glücklich verheiratet ist, und jedes Jahr zu Besuch kommt, über die anständige Schweiz Loblieder anstimmt und über Kolumbien und deren Einwohner spricht, als wären hier alle kriminell und schmutzig.
Sobald diese "rica suiza" im Barrio auftaucht, spricht es sich herum bei den "Los Desechables". Denn dann sind für einige Wochen die Abfallsäcke voller Leckerbissen und anderem begehrten Zeugs. Wenn die junge, gutsituierte Dame mal gut aufgelegt ist, dann sagt sie zu Fernando und Co., daß Essen im Abfallsack sei. Die Idee, kurz mal ihre Haustüre aufzumachen und die Nahrung unbeschmutzt einem Hungernden zu übergeben, kommt ihr nicht. Mit einem Lächeln schaut sie dann aus dem gut geschlossenen Fenster zu, wie die "Los Desechables" Nahrung zwischen Damenbinden und Papierwindeln heraus klauben.
Cali, 2 de octubre de 1992
© Willi Tell
Neueste Kommentare