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7. Mai 2008 3 07 /05 /Mai /2008 14:26

Mutter wurde ungefähr im September 1968 geboren. So genau weiss dies jedoch niemand. Jedenfalls wurde sie im Jahre 1968 im einzigen Notariat des Fischerstädtchens, welches auf drei Inseln in den Mangroven gebaut ist, registriert. Meist ist es am Geburtstag wo man ihr anmerkt, dass es sie schmerzt nicht genau zu wissen, an welchem Tag, in welchem Jahr, sie geboren wurde. Längst hat sie es aufgegeben meine Grossmutter danach zu fragen, denn Jahr für Jahr bekam sie immer eine andere Antwort.

Sie hatte es nicht leicht meine Mutter, aus irgend einem Grunde war sie eher eine Belastung als eine Tochter. So kam es, dass meine Grossmutter das Fischerstädtchen verliess als meine Mutter 2 Jahre alt war und ihre ledige, jüngere Schwester, eine der Tanten meiner Mutter damit beauftragte sie grosszuziehen. Niemand ahnte zu dieser Zeit, dass Mutter und Tochter erst wieder in 18 Jahren zusammenfinden würden.

Grossmutter wollte in die grosse Stadt, Geld verdienen um vielleicht bald zurückzukehren um sich ein Haus zu bauen. 40 Jahre sind vergangen und Grossmutter lebt immer noch am Rande der Stadt. Mittlerweile hat sie ein kleines Häuschen, verschliss bereits den zweiten Ehemann und hat sieben weitere Kinder. Ihren Traum vom kleinen eigenen Haus in ihrer Heimat hat sie längst im Schutt des Alltags verloren. Sie ist zufrieden, wenn es einwenig Arbeit gibt und sie die vielen Münder stopfen kann, mehr will sie nicht mehr. Ihr Traum ist jetzt das Himmelreich welchen ihr so eine sektiererische Freikirche a la "made in USA" in den Kopf gesetzt hat. Tag für Tag geht sie missionieren, sie muss wenn sie in den Himmel kommen will. Und für den Himmel tut sie alles! Vernachlässigt die Arbeit, die Kinder, das Leben, den letzten Ehemann welcher sich über die letzten Jahre damit begnügte auf dem Schemel vor dem Haus zu sitzen und sich stoisch in den tod soff. Das Himmelreich war zuviel für ihn.

Über ihren Vater weiss Mutter nicht viel. Er war einer dieser Reisenden welche überall im Grenzland ihre schnellen Geschäfte machen und an vielen Orten Frau mit Kinder haben. Zweigniederlassung nennt man dies. Ab und zu war er für einige Wochen zu Hause um nach kurzer Zeit und Schwängerung der Frau erneut loszuziehen. Leider starb er als Mutter noch sehr klein war. Zeit seines Lebens sagte er, dass er stehend begraben werden wolle. Der Totengräber weigerte sich jedoch dies zu tun. Doch nach einigen schlaflosen Nächten mit schlechtem Gewissen und Angst vor dem Geist meines Grossvaters erfüllte er ihm den Wusch, budelte ihn aus, vegrösserte das Grab um ihn aufrecht reinzustellen. Darüber spricht man noch Heute, nach über 30 Jahren im Heimatstädtchen meiner Mutter.

Mutters Tante war eine lebensfrohe, kräftig gebaute Frau mit unglaublich schönen Gesichtszügen. Sie war Lehrerin, was ihr im Fischerdörfchen eine gewisse Autorität gab. Sie arbeitete ziemlich weit in den Mangroven draussen in einem kleinen Nest als Lehrerin. Da der Weg sehr weit war, blieb sie meist von Montag bis Freitag in dem kleinen Nest und überliess die Erziehung meiner Mutter vor allem ihr selber, der zweiten Tante, den Cousinen und dem Dienstmädchen welches ebenfalls noch Kind war und von der Tante mit Essen und Bildung bezahlt wurde.

Die Zeit war hart. Geprägt von Vernachlässigung und Schlägen entwich meine Mutter der Kindheit. So oft sie konnte floh sie aus der dunklen Bretterbude auf die Gasse wo es hell war, die Sonne wärmte und Menschen waren. Ihre Brüste fingen gerade an zu spriessen, als sie auch vor einem Cousin fliehen musste, der sich eines nachts auf sie legte und in sie eindrang. Dieses Erlebnis machte sie noch einsamer, denn niemandem konnte sie davon erzählen, niemand schien die Veränderungen zu bemerken, Angst und Schmerz in ihren Augen wahrzunehmen wenn der Cousin wieder mal aus einem ganz bestimmten Grund zu Besuch kam. In dieser Zeit hatte sie nur eine Hoffnung, ihren Bruder der vor langer Zeit das Haus verliess um Geld zu machen und seither verschollen ist wiederzusehen. Der Gedanke an ihn gab ihr Kraft, Zuversicht.

Kurz, ihre Kindheit verging rasend, sie erlebte viel, erlebte sogar einen Tsunami als man dieses Wort in Europa noch mit einem südländischen Nachtisch verwechselte. 

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Kommentare

wenera3101 05/10/2008 00:57

Eine Geschichte, die das Leben schreibt, bedrückend, traurig und war... Interessant beschrieben, aus einer Welt, die immer noch, nicht verstanden wird...
L.G. wenera3101

Wili Tell 07/01/2008 22:14


Ja, leider. Es gibt Leben von dessen schwere des Daseins wir keine Ahnung haben. Habe letzthin Deine Seite besucht, sehr schöne Sachen.


Über Diesen Blog

  • : Biographisches und andere Geschichten
  • : Es geht um das Leben einer Mutter aus den Slums. Erlebtes in Südamerika und hier. Um Gedanken und Gefühle. Um Wut und Liebe - kurz - es geht um das Leben.
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