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7. Mai 2008 3 07 /05 /Mai /2008 14:32

Wie seit vielen Nächten schleppt sich das junge, schöne Mädchen mit dem Hauch von Verruchtheit und ewiger Jungfräulichkeit Richtung des Tales, vor dessen Betreten sie seit damals Furcht hat, als die ganze Familie gezwungen war ein anderes, das Tal ihrer Erde zu verlassen, da mächtige Männer aus der großen Stadt gekommen sind um das bißchen Erde welches der ganze Besitz und Stolz der Familie war zu übernehmen. Lange sträubten sie sich, die par Hektar karge Heimat aufzugeben, doch die Grausamen aus der Stadt töteten einige ihrer Brüder, vergewaltigten regelmäßig alles was Frau war oder bald werden würde, bis schließlich der Vater den zerstörten Überrest einer einst heilen Familie in diese Stadt führte, in dieses von Neid, Angst und Tod zerfressene Tal am Rand der großen Stadt, die nachts mit ihren gleißenden Lichtern Verlockung und ein wenig Wohlstand verspricht.

Je näher die Lichter aus dem Tal rücken, desto tiefer spürt „Erendíra“ die Entwürdigung als tiefen stechenden Schmerz zwischen ihren Beinen, als gierige Hände an ihren bereits erblühten, straffen Brüsten. Wie viele wa­ren es diese Nacht, die für einige Pesos auf sie stiegen, rücksichtslos die Tränen und das Schmerzgestöhn dieses jungen, erst am aufblühenden Frauenkörpers als Lust empfanden? Dieses stechende Gefühl, als würde man ihr innerstes verbrennen ertrug sie zum ersten mal vor drei Jahren, als „Erendíra“ knapp 11 Jahre alt neben dem Körper eines ihrer toten Brüder mehrmals rücksichtslos genommen wurde als wäre sie eine läufige Hündin. So erlebt sie den Mord an ihrem Bruder, täglich neu bis zwanzig mal, durch diesen entsetzlichen entwürdigenden Schmerz in ihrer Seele.

 

Mit Gedanken versucht „Erendíra“ die Angst vor ihrem einsamen , gefährlichen Nachhauseweg zu bekämpfen, denkt an das bißchen Kindheit welches sie hatte, an die vor Gram gestorbene Mutter, ihre Brüder. Wie konnte sich der Vater in diesem Tal nur so verändern? Früher, auf ihrem Stückchen Heimat war er ein muti­ger, stolzer Mann, niemand beherrschte die Pferde so wie er. Selbst die wildesten „yeguas“ machte er sanft und es war eine Augenweide ihn auf dem Pferd zu sehen. Als wäre er mit dem Tier verwachsen vollführte er die schwierigsten Kunststücke, .man hat ihn nie Schreien, ein Tier, seine Frau oder Kinder schlagen sehen. Er war so groß, dieser wilde zarte Mann, daß er Gewalt nicht brauchte. Nie zeigte er seinen Schmerz, selbst an den Gräbern seiner Söhne sah er aufrecht und mit funkelnden Augen in die Gesichter der Trauergäste, mit Augen, die jedermann Furcht einflößten, wenn der wilde feurige Blick sie traf.  Doch heute sind diese Augen erstarrt, leer. Der Alkohol, „Basuco“ haben das Klingen der Seele des Vaters verstummen lassen. Jetzt schreit und schlägt er immer öfters die übriggebliebe­nen Kinder, ist kaum mehr nüchtern, bewegt sich ruhelos wie eine gefangene Wildkatze in der kleinen, ver­gammelten Bretterbude, wo es rein regnet und beim großen Regen der Boden wie ein Sumpf ist, wo der Rest der Familie in zwei Bettähnlichen Rohrgestellen mit durchgeweichten, irgendwo auf dem Abfall gefundenen Matratzen, abwechselnd schlafen muß.

  Würde sie dieser gebrochene Mann auch heute wieder schlagen, der Mann der einst ihr stolzer Vater war und vor dem sie immer weniger Achtung und immer mehr Angst hatte? Würde er auch heute so besoffen sein, daß er versuchen wird auf seine eigene Tochter zu steigen, auf die Tochter, auf die er früher ob ihrer großen Schönheit so stolz war und welche er nun schlägt weil sie anschaffen geht um das überleben zu fi­nanzieren, welche er auch schlägt wenn sie mal nicht anschaffen gehen will?

 

Wie sich doch ihre Welt verändert hat seit damals als man die geliebte Heimat verlassen hat. Ihre restlichen Brüder haben einen Namen durch ihren Wagemut als Mitglieder in einer dieser Jugendbanden, die das Tal so unsicher und lebensfeindlich machen. Täglich hat „Erendíra“ Angst, daß sie bei ihrem einsamen Nachhauseweg plötzlich vor einem ihrer übriggebliebenen Brüder stehen könnte, mit starrem Blick, verzerrtem Gesicht, verkrampften Gliedern auf der Straße liegend, hingerichtet von einem dieser „Todesschwadrone“ oder einer anderen Bande. Gott scheint die Familie verlassen zu haben, als sie ihre geliebte Heimat verlassen hat, als würde er ihnen diesen Verrat am Aufgeben der Erde nie verzeihen und nun Elend über Elend auf die gebeu­telte Familie schleudern. Ob es nicht besser gewesen wäre auf dem Stückchen Heimat zu bleiben, nach und nach zu sterben, zu sterben auf der geliebten Erde und nicht hier in diesem von Gott und der Welt vergesse­nen Tal? Alle sind sie längst tot durch die Schande, die Entwürdigungen, durch das erbärmliche vegetieren im Nirgendwo, angesiedelt im Nichts, nicht Mensch nicht Straßenköter.

 

„Erendíra“ erreicht nun den Beginn wo der Asphalt verlorengegangen schien, sich die Straßenlaternen ob der alltäglichen Furchtbarkeit zurück gezogen haben, vor lauter Entsetzen zuerst das leuchten vergaßen um schließlich, ob all der abscheulichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Nichtexistenz in diesem Teil des Tales dem Zeugen sein vorzogen. Diese Lichter, die Sicherheit vorgaukelten, die stummen Zeugen von Vergewaltigung, Kampf, Tod existieren nur noch in den Erinnerungen derjenigen, die das Pech hatten weit nach Einbruch der Dunkelheit dazu verdammt zu sein diesen einsamen Raum betreten zu müssen.  

Das Mädchen bleibt müde stehen, ist viel zu ausgelaugt um noch Angst zu empfinden, beinahe Gleichgültig betrachtet sie die Büsche und Schatten wo jederzeit jemand lauern konnte um sie auszurauben, sich an ihr zu befriedigen wie bereits öfters. Seit ihre Brüder einige dieser Eindringlinge töteten, hat es sich herumgesprochen, daß man „Erendíra“ nicht ungestraft entehren darf. Es hat sich auch herumgesprochen, daß sie die Schwester einiger „bandilleros“ ist und ab und zu lauern ihr verfeindete Banden ihrer Brüder auf um durch „Erendíra“ Schande über die Familie zu bringen.

 

Sie setzt sich auf einen ihr lieb gewordenen Felsbrocken, fühlt sich beinahe wie früher, als sie fern der Stadt in ihrer Heimat tagelang da saß und fröhlich in den Tag hinein träumte, die Ziegen und Schweine der Familie hütete. Auch jetzt träumt „Erendíra“, träumt von Geborgenheit bei einem Mann der so ist wie es Vater war, träumt von Liebe, Leidenschaft die sie nur als Schmutz und Schmerz kennt und worüber ihre Freundinnen ihr immer erzählen, wenn sie sich morgens nach einem durchgetanzten Samstag in einer dieser billigen, schmuddeligen „Salsotecas“  bei „Chito’s tienda“ zum plaudern trafen. Noch nie hat sie einen Freund gehabt, jemanden der ihr lieb war und ihr kleine Geschenke brachte, nachts unter ihrem Fenster pfiff. Niemand will etwas mit ihr, der Hure zu tun haben, außer sie gelegentlich zu nehmen, wenn sie im Basuco Rausch die täglichen Entwürdigungen zu vergessen versuchte, apathisch da lag, nicht spürte wer und wie oft man über sie hinweg stieg.

 

Freilich gibt es einen jungen, verwegenen Mann; „Bambinas“, der Anführer der Bande „el combo de la muerte“. Stolz sieht er aus, wie ein Guerillero wenn er mit seiner Maschinenpistole und den umgehängten Handgranaten mit seiner Bande durch das Viertel zieht, auf jagt geht nach Feinden die im Viertel Terror verbreiten. Seit „Erendíra“ diese schwarze Wildkatze zum ersten mal sah wußte sie, dies ist der Mann dem sie sich hingeben wird, freiwillig, mit Leidenschaft und scheu als wäre sie immer noch Jungfrau und nicht gefüllt vom Ekel der drei Jahre absämerei. So oft es geht sucht sie seine Nähe, nur ein Blick von ihm und sie ist glücklich, läßt sie vergessen was man ihr antut. Wild, als wären es die ehemaligen Augen ihres Vaters, begleitet sie den heimlichen Geliebten so lange sie ihm mit den Blicken folgen konnte.

 

Einmal versteckte sie ihn in ihrer Hütte, als eine Bande wild gewordener Todesschwadrone durch das Viertel zog und alles umbrachte was um diese Uhrzeit jung, und noch irgendwo im Staub der Straßen hockte. Nie wird sie vergessen, wie in dieser Nacht das Viertel ohne Schutz war und diese Rächer der elitären Gesellschaft dreiundzwanzig Leben zerstörten, Leben, die zum teil noch Kinder waren wie der kleine, neun jährige „Pablito“ welcher von seiner Mutter geschickt wurde um bei „Pacho’s tienda“ ein wenig Öl zu kaufen und direkt in die Kugeln rannte. Man erkannte ihn kaum mehr, eine Ladung Schrott fetzte ihm das halbe Gesicht weg.

 

Aus irgend einem Grunde war „Bambinas“ in dieser Nacht nicht mit seiner Bande unterwegs, daß er beim großen Stein am Eingang zum Tal auf sie wartete erzählte er ihr erst später. „Erendíra“ jedoch ging an diesem Tag früher als sonst nach Hause, es gab kaum Kunden und der Tag lief schlecht. „Bambinas“ hörte die Schüsse bei „Erendíras“ Stein, während diese sich im Gerümpel unter einer der Schlafstätten versteckte. Was soll er tun, ins Viertel und kämpfen, „Erendíra“ entgegen gehen und ihr endlich seine Gefühle zeigen? Er entschied sich fürs Viertel obgleich ihm die Angst um das Mädchen beinahe den Verstand raubte, stürmte in wilden Sätzen ins Viertel zurück. Während er im Schatten der Büsche am  Fußballplatz vorbei jagte kroch „Erendíra“ innerlich getrieben aus dem Gerümpel raus, entfernte einige Bretter am Hinterteil der Hütte und schlich im Schutze der Nacht und des „Guadua“ den Hang zum „río Aguacatal“ runter. Sie kam gerade rechtzeitig um zu sehen wie „Bambinas“ kurz nach dem Fußballplatz von drei Motorräder in die Klemme genommen wurde. „Bambinas“ schoß den einen runter, hetzte mit langen, kräftigen Schritten zum Flüßchen, direkt auf „Erendíra“ zu. „Erendíra“ sah diesen wilden Körper auf sich zujagen, erschrak als er strauchelte, mit einem letzten gewaltigen Satz und grellem Schrei über das Flüßchen hetzte und hinfiel. Das Mädchen vergaß Angst und Tod, war in wenigen Sprüngen bei ihm, nahm die Waffe, schleppte mit der Kraft der Verzweiflung den Verletzten den Hang hoch, zurück durch das Loch in der Wand ihrer Hütte und stopfte ihn zu dem Gerümpel unter dem Bett.

 

„Erendíra“ war erleichtert, als die Schüsse verstummten und sich der Lärm der Motorräder in der Nacht verlor, doch noch stundenlang saß sie in der Ecke hinter der Tür, wimmerte, aus Angst des überstandenen, aus Angst um „Bambinas“, der leise vor sich hin stöhnte. Erst als „Juancho“, ihr ältester Bruder in die Hütte kam, traute sie sich zu bewegen und gemeinsam zogen sie den Verletzten aus dem Gerümpel unter dem Bettähnlichen Gestell. Seine Wunde war nur klein, er würde jedoch einige Zeit kaum mehr die dunklen Aufgänge im Viertel hoch hetzen können. Die Angreifer hatten die Hütte wo „Bambinas“ mit seiner Familie lebt total zerstört, sie wußten also wo er lebt und konnte sich nicht nach Hause wagen. Gott sei dank war niemand von der Familie anwesend gewesen, „Bambinas“ jedoch schwor blutige Rache für den kleinen „Pablito“, sein zerstörtes Zuhause...

 

„Erendíra“ schrickt aus ihren Erinnerungen auf, hört einige Stimmen und versteckt sich hinter ihrem Stein. Als sie ihre Brüder, „Bambinas“ und andere bekannte Stimmen aus dem Viertel hörte stand sie auf, ging den Freunden entgegen. Sie waren gekommen um sie abzuholen, hatten genug vom herumlungern und verkürzten sich so die Zeit. „Erendíra“ errötete beim Gruß „Bambinas“ und dieser ließ sie nicht aus den Augen.

Seit jenem Tag, als sich der junge Krieger unter ihrem Bett versteckte, war auch in „Bambinas“ etwas anders geworden, fühlt er sich unbeobachtet, schaut er mit tiefster Zärtlichkeit auf die ewig schöne Erendíra, heimlich schreibt er ihr Gedichte um sie danach als Schiffchen den „„río Aguacatal““ runter zulassen. Auf dem Weg ins Viertel malt sich Erendíra aus wie schön sie in einem Brautkleid an der Seite dieser schwarzen Raubkatze aussehen würde.

 

Es sollte noch viele hundert Tote kosten, bis Erendíra und „Bambinas“ den Mut fanden sich ihre Liebe zu gestehen. Als es so weit war, wurde Erendíra gerade sechzehn und „Bambinas“ hatte nach einigen üblen Verletzungen das bewaffnete herumstrolchen aufgegeben. Ansonsten hat sich nicht viel geändert in unserem Tal, mal ist es ein wenig ruhiger, doch nachts sind sie immer noch zu hören die Schüsse, die uns in den Schlaf geleiten und beruhigen, da man hört wie weit entfernt die Auseinandersetzungen stattfinden und wir warten immer noch auf die Rückkehr der Straßenlaternen die vor Schreck zu leuchten vergaßen. Ob die Kinder von „Erendíra“ und „Bambinas“ sie werden leuchten sehen?  

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  • : Biographisches und andere Geschichten
  • : Es geht um das Leben einer Mutter aus den Slums. Erlebtes in Südamerika und hier. Um Gedanken und Gefühle. Um Wut und Liebe - kurz - es geht um das Leben.
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