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7. Mai 2008 3 07 /05 /Mai /2008 16:13

Schnell wurde der Bauch meiner Mutter beängstigend grösser, bis sie es nicht mehr verheimlichen konnte. Irgendwann sprach die Tante sie darauf an und es gab ein gewaltiges Donnerwetter. Kurz Mutter wurde mit Schimpf und Schande aus dem Haus geworfen. Es gab nur einen Ort wo sie hin konnte, in die Stadt zu ihrer Mutter, welche sie vor 18 Jahren bei der Tante zurückließ. Natürlich hatte sie Angst, war gleichzeitig froh um auf andere Gedanken zu kommen, den Tankstellenbesitzer nicht mehr sehen zu müssen und natürlich auch um ihre anderen Geschwister endlich besser kennen zu lernen. Sie kannte die Stadt bisher nur durch kurze Besuche und hat sich noch nie Gedanken darüber gemacht wie es sein würde dort zu leben. Dort in der Stadt wo ihresgleichen vor allem in einem der grössten Slums Südamerikas lebten, welches die grösste Siedlung dunkelhäutiger Menschen ausserhalb Afrikas sein soll.

Doch solche Gedanken machte sich meine Mutter nicht, noch nicht. Sie fühlte sich verloren, beobachtet. Während in ihrer Heimatstadt Weisse nur ab und zu anzutreffen waren, hier waren sie überall. Überall wo es Arbeit gab waren zuerst einmal die Weissen. Wie Kletten hingen sie an den gut bezahlten und sicheren Arbeitsplätzen und nur wenige Schwarze schafften den Sprung aus den üblichen Jobs wie Dienstmädchen, Putzfrau, Bauarbeiter, usw. in ein Büro, in die Stadtverwaltung oder sogar auf die Universität um zu studieren.

Die erste Zeit bei meiner Grossmutter wartete meine Mutter vor allem darauf, dass ich endlich geboren werde. Der Schreck war gross, als ausser mir noch mein Bruder 2 Minuten später hinterher kam. Meine Mutter verlor viel Blut, man hatte Angst, dass sie stirbt. Jahre später erzählte sie mir, dass sie im Krankenbett alles gehört und gesehen hat aber unfähig zu einer Bewegung war, nicht mal die Augenlieder konnte sie bewegen. Sie hatte Angst, dass man sie lebend begraben würde. Soweit kam es jedoch nicht und bald fing für Mutter der Alltag an.


Mutter spürte immer mehr, dass sie in diesem Haus eher nur geduldet und nicht erwünscht war. Sie fühlte sich wie ein Eindringling in diese fremde, von ihr durch die ganze Kindheit aufs innigste herbeigesehnte Welt der Mutter. Sie erwartete Geborgenheit, Liebe, Zärtlichkeit, kurz alles, was sie sich durch ihre Kindheit hindurch oft nachts alleine traurig im Bett herbeiweinen wollte, als sie immer diese schwarze Leere des alleingelassen Seins fühlte. Nein, einfach war es nicht, immer zu fühlen, dass man nicht dazu gehört und Mutter entschloss sich, etwas dagegen zu tun.

Und Mutter hatte Glück! Sie fand eine Stelle in einem internationalen Hilfsprojekt wo mittellose Menschen billigst medizinische Versorgung erhielten und fand einen Platz in einem Projekt von Nonnen, wo sie das Abitur nachmachen konnte.

Ihre Mutter und Familie waren bereit zu mir und meinem Bruder zu schauen während meine Mutter arbeitete oder zur Schule ging. Dafür übergab meine Mutter ihren ganzen Verdienst meiner Grossmutter. Wir Kinder hatten jedoch nicht viel davon.

Sobald Mutter aus dem Hause war bekamen wir es zu spüren, dass wir nicht dazu gehörten. Kein Schwein kümmerte sich um uns, oft lagen wir von Morgensfrüh bis zur Rückkehr von Mutter in den gleichen Windeln und wir wurden nur auf das notdürftigste versorgt. Auf unser Weinen wurde kaum reagiert, höchstens mit Schlägen, Geschrei. Liebe gab es erst für einige Augenblicke wenn Mutter gegen 22 Uhr todmüde von der Schule kam. Zu dritt lagen wir dann im kleinen Bett von Mutter und hatten endlich das wonach wir den ganzen Tag über schrien.

Und der Tag von Mutter hatte es in sich. Montag bis Samstag arbeitete sie von 7 Uhr früh bis gegen 17 Uhr im Projekt als Hilfsschwester. Ohne Pause gings in die Schule bis 22 Uhr abends. Mutter hatte nur den Sonntag für uns.

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Über Diesen Blog

  • : Biographisches und andere Geschichten
  • : Es geht um das Leben einer Mutter aus den Slums. Erlebtes in Südamerika und hier. Um Gedanken und Gefühle. Um Wut und Liebe - kurz - es geht um das Leben.
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  • Wili Tell
  • Habe gelebt - intensiv - und habe vor dies weiter zu tun.

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