Nacht, eine quälende Nacht wo die Minuten, Sekunden, gehemmt durch erschreckende Gedanken und Erinnerungen an Blut, Gewalt, Elend und Tod
Richtung Morgengrauen kriechen. Ob diese Tropfmaschine der Zeitmessung weiterhin so ruhig und zielgerichtet das Gegenwärtige in Vergangenes und somit unwichtiges zerstampfen könnte, hätte sie
Gefühle, könnte sie sehen? Gott sei Dank rast dieses Ungetüm der Zeitmessung unaufhörlich brutal die schönsten Augenblicke zerstörend, gnädig das elend vergangen werdend und Hoffnung spendend auf
das Morgen, ihrem unendlich weit entfernten Ziele zu, welches sie doch nie erreichen wird.
Zu Tausenden leben sie diese Hoffnung des unerreichbaren Morgen, in den Slums, in den Schlafhöhlen am Fluss, in irgendwelchen Nischen der "olla".
Hoffend im "Basuco" Rausch die Nacht zu überleben, am Morgen endlich Arbeit zu finden, den vor Hunger schmerzenden Magen sättigen zu können, die Kinder - statt mit "Basuco" zu betäuben - damit
sie den nagenden Hunger nicht spüren - mit ein wenig Reis, "papas" oder "jucas" zu füttern.
Doch die Zeit rast weiter, läßt jede Nacht hingerichtete "desechables",
"Basucoraucher", Schwule, Huren, Jugendliche und andere Subversive, vergewaltigte Mädchen, verhungernde Kinder, aus Scham sich zu tode saufende Väter, durch erlebtes an der Grenze zur
Verrücktheit stehende Mütter hinter sich, die Tausende von Nächten, in Angst und Schrecken und immer weniger Hoffnung auf ein neues, ein anderes, DAS MORGEN
hoffen.
Cali, 28 de agosto de 1994
© Wili Tell
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