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29. Juni 2008 7 29 /06 /Juni /2008 16:42

Doch Mutter hielt durch! Sie hielt die Arbeit aus, die Schule, die dauernden Erniedrigungen der Familie unserer Grossmutter. Immer öfters hörte sie, dass sie sich etwas zum wohnen suchen solle. Man wollte sie aus dem Hause haben mit der Begründung, dass wir Kinder zu teuer kämen. Doch Mutter gab ihr gesamtes Einkommen zu Hause ab, davon wurde jedoch nur der minimalste Teil ab und zu für uns ausgegeben. Manchmal gabs nicht mal zu essen und Mutter gab uns Zwillingen einen Teil ihrer kärglichen Malzeit, oder besser, der übrig gelassenen Reste der restlichen Familienangehörigen ab. Man dachte nicht an uns, meine Mutter, es sei denn, wenn wieder mal Zeit war um ihr Gehalt einzufordern.

Aber eben, trotz allem, Mutter hielt durch.

Plötzlich gab es in Mutter Veränderungen, sie war fröhlicher und immer öfters warteten ich und mein Bruder nachts vergebens auf sie. Manchmal erwachten wir ab dem Lärm und Geschrei im Haus, wenn Mutter wieder mal rausgeschlossen wurde, wenn sie nachts nicht rechtzeitig zu Hause war. Beim Streit gings immer um einen "gringo" mit dem sie sich anscheinend immer öfters nach der Schule traf und immer öfters immer später nach Hause kam. Mit allen Mittel versuchte man ihr diesen Kontakt auszureden, drohte mit aus dem Hause werfen.

Dies half nichts, Mutter hatte es gepackt! Sie hatte sich scheinbar in einen Ausländer verliebt, welchen sie am Arbeitsplatz kennen lernte. Der "gringo" erschien immer öfters mit seinen Menschen im Projekt wo Mutter arbeitete um diese günstig ärztlich versorgen zu lassen. Er brachte Typen des übelsten Schlages, Existenzen welchen es scheinbar noch dreckiger ging. Es waren Menschen, die am Fluss in selbst gegrabenen Höhlen lebten, ihre Nahrung aus Abfallsäcken zusammen suchten. Menschen die medizinischen Alkohol soffen, ihr erbrochenes wieder aufassen und vor nichts zurück schreckten, zu allem bereit waren. Man sah sie nicht gerne diese Geschöpfe von ganz unten in der Existenzkette wenn sie mit dem "gringo" im Projekt auftauchten. Zu wissen, dass sie zu allem bereit waren verlieh ihnen Macht, niemand wagte irgend etwas zu sagen wenn der "gringo" mit den Typen auftauchte.

Obwohl Mutter mit der Zeit auf irgend eine Weise mehr als Sympathie für diesen "gringo" zu empfinden beging versuchte sie nicht besonders auf ihn zu achten, Mutter spürte wie er sie dauernd versteckt anblickte, ihre Nähe suchte, doch je mehr ihr dies bewusst wurde desto kühler und barscher behandelte sie ihn. Sie wollte einfach keinen Platz für ihn in sich schaffen, sie wollte eine Ausbildung, ihr Abitur und hatte zusätzlich noch zwei Kinder zu versorgen.

Der "gringo" blieb stur wie meine Mutter, er blieb dran und sie blieb barsch. Dabei leuchteten die Augen der beiden auf so eigenartige Weise wenn sie sich begegneten, dass man bereits über die beiden kuschelte und Witze machte.

Es war dann schliesslich Fernando, einer dieser Existenzlosen, welcher zum Durchbruch verhalf. Er erzählte beiden ohne deren wissen, dass der eine gerne mit dem anderen sprechen möchte. Da hatte Mutter die Idee dem "gringo" über Fernando einen Zettel zukommen zu lassen. Die Worte auf dem Zettel waren nichts bewegendes, doch was sie ins Rollen brachten sollte Mutters Welt und auch die meine sowie meines Bruders gewaltig verändern.

So fing die Zeit an, als ich als Baby bemerkte, dass Mutters Brust nachts immer später zur Verfügung stand. Der "gringo" und sie trafen sich jeden zweiten Abend am Rand des Slum in der Diskothek "Torre de Maracaibo". Welch ein Name, doch die Realität war anders. Dunkel war der Laden, gefährlich, dort trafen sich die, welche nicht gesehen werden durften. Wochenende für Wochenende flogen dort Besucher durch die Fenster, gab es Schiessereien. Meist blieben die Toten bis zum anderen Tag liegen, da sich die Polizei bei Nacht nicht dorthin traut.

Der "gringo" meiner Mutter schaffte es trotz Waffe. nur  durch seine Bekanntheit bei den Existenzlosen bis dorthin und zurück. Ihre Freundschaft gab ihm die nötige Sicherheit ohne dass sie dabei sein mussten. Sie sorgten dafür, dass die Jugendbanden und anderen Kriminellen der Zone über den "gringo" Bescheid wussten und mit einem Auge acht auf ihn gaben.

Dies war also die Umgebung, wo es dem "gringo" gelang den Panzer meiner Mutter zu knacken. Doch Gott sei Dank knackte er in dieser Zeit nur den Panzer. Wäre ihm mehr gelungen hätte ihn Mutter wohl nie mehr gesehen. Zwar sah er gebildet und Intelligent aus in seiner Brille dieser "gringo", doch in Wahrheit war er ein Lebemann, hatte sich alle unsere Machomanieren zu eigen gemacht.

Er traf sich nicht nur mit meiner Mutter in der Diskothek um Cola und Rum zu trinken sondern gleichzeitig auch noch mit zwei anderen Frauen und die einzige mit welcher er nicht in irgendeine Diskothek ging war die, mit welcher er lebte. Öfters wenn er zu wenig Cola und zu viel Rum intus hatte nannte er Mutter mal Vicky, mal Raquel, konnte sich jedoch immer so gut herausreden, dass meine Mutter nichts ahnte.

Doch mit diesem Machogehabe oder zumindest mit der Vielweiberei sollte es sprichwörtlich mit einem Schlage aus und vorbei sein.

Es war in einer dieser Nächte wo Mutter und er bei "Salsa brava", einwenig Cola und viel Rum oder Aquardiente tranken, tanzten, harmlose Zärtlichkeiten austauschten und am liebsten für ewig am kleinen, runden, klebrigen Tischchen sitzen geblieben wären. Offenbar machte der Rum den "gringo" heiss und mutig denn plötzlich griff er meiner Mutter unter dem Tisch unters Mini an die Oberschenkel. Mutter sprang auf und klebte ihm eine, und lies den Typen verdattert sitzen. Nicht genug damit, die übrigen Gäste der Diskothek bekamen diese Ohrfeige mit, johlten und klatschen Beifall. In diesem Moment verliebte sich der "gringo"mit Haut und Haaren in meine Mutter. Er suchte sich in den nächsten Tagen eine eigene Wohnung, machte mit den anderen Freundinnen Schluss und konnte nur noch an meine Mutter denken, welche ihn weiterhin leiden lies durch ihre gespielte kühle Unnahbarkeit.

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7. Mai 2008 3 07 /05 /Mai /2008 16:13

Schnell wurde der Bauch meiner Mutter beängstigend grösser, bis sie es nicht mehr verheimlichen konnte. Irgendwann sprach die Tante sie darauf an und es gab ein gewaltiges Donnerwetter. Kurz Mutter wurde mit Schimpf und Schande aus dem Haus geworfen. Es gab nur einen Ort wo sie hin konnte, in die Stadt zu ihrer Mutter, welche sie vor 18 Jahren bei der Tante zurückließ. Natürlich hatte sie Angst, war gleichzeitig froh um auf andere Gedanken zu kommen, den Tankstellenbesitzer nicht mehr sehen zu müssen und natürlich auch um ihre anderen Geschwister endlich besser kennen zu lernen. Sie kannte die Stadt bisher nur durch kurze Besuche und hat sich noch nie Gedanken darüber gemacht wie es sein würde dort zu leben. Dort in der Stadt wo ihresgleichen vor allem in einem der grössten Slums Südamerikas lebten, welches die grösste Siedlung dunkelhäutiger Menschen ausserhalb Afrikas sein soll.

Doch solche Gedanken machte sich meine Mutter nicht, noch nicht. Sie fühlte sich verloren, beobachtet. Während in ihrer Heimatstadt Weisse nur ab und zu anzutreffen waren, hier waren sie überall. Überall wo es Arbeit gab waren zuerst einmal die Weissen. Wie Kletten hingen sie an den gut bezahlten und sicheren Arbeitsplätzen und nur wenige Schwarze schafften den Sprung aus den üblichen Jobs wie Dienstmädchen, Putzfrau, Bauarbeiter, usw. in ein Büro, in die Stadtverwaltung oder sogar auf die Universität um zu studieren.

Die erste Zeit bei meiner Grossmutter wartete meine Mutter vor allem darauf, dass ich endlich geboren werde. Der Schreck war gross, als ausser mir noch mein Bruder 2 Minuten später hinterher kam. Meine Mutter verlor viel Blut, man hatte Angst, dass sie stirbt. Jahre später erzählte sie mir, dass sie im Krankenbett alles gehört und gesehen hat aber unfähig zu einer Bewegung war, nicht mal die Augenlieder konnte sie bewegen. Sie hatte Angst, dass man sie lebend begraben würde. Soweit kam es jedoch nicht und bald fing für Mutter der Alltag an.


Mutter spürte immer mehr, dass sie in diesem Haus eher nur geduldet und nicht erwünscht war. Sie fühlte sich wie ein Eindringling in diese fremde, von ihr durch die ganze Kindheit aufs innigste herbeigesehnte Welt der Mutter. Sie erwartete Geborgenheit, Liebe, Zärtlichkeit, kurz alles, was sie sich durch ihre Kindheit hindurch oft nachts alleine traurig im Bett herbeiweinen wollte, als sie immer diese schwarze Leere des alleingelassen Seins fühlte. Nein, einfach war es nicht, immer zu fühlen, dass man nicht dazu gehört und Mutter entschloss sich, etwas dagegen zu tun.

Und Mutter hatte Glück! Sie fand eine Stelle in einem internationalen Hilfsprojekt wo mittellose Menschen billigst medizinische Versorgung erhielten und fand einen Platz in einem Projekt von Nonnen, wo sie das Abitur nachmachen konnte.

Ihre Mutter und Familie waren bereit zu mir und meinem Bruder zu schauen während meine Mutter arbeitete oder zur Schule ging. Dafür übergab meine Mutter ihren ganzen Verdienst meiner Grossmutter. Wir Kinder hatten jedoch nicht viel davon.

Sobald Mutter aus dem Hause war bekamen wir es zu spüren, dass wir nicht dazu gehörten. Kein Schwein kümmerte sich um uns, oft lagen wir von Morgensfrüh bis zur Rückkehr von Mutter in den gleichen Windeln und wir wurden nur auf das notdürftigste versorgt. Auf unser Weinen wurde kaum reagiert, höchstens mit Schlägen, Geschrei. Liebe gab es erst für einige Augenblicke wenn Mutter gegen 22 Uhr todmüde von der Schule kam. Zu dritt lagen wir dann im kleinen Bett von Mutter und hatten endlich das wonach wir den ganzen Tag über schrien.

Und der Tag von Mutter hatte es in sich. Montag bis Samstag arbeitete sie von 7 Uhr früh bis gegen 17 Uhr im Projekt als Hilfsschwester. Ohne Pause gings in die Schule bis 22 Uhr abends. Mutter hatte nur den Sonntag für uns.

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7. Mai 2008 3 07 /05 /Mai /2008 14:26

Mutter wurde ungefähr im September 1968 geboren. So genau weiss dies jedoch niemand. Jedenfalls wurde sie im Jahre 1968 im einzigen Notariat des Fischerstädtchens, welches auf drei Inseln in den Mangroven gebaut ist, registriert. Meist ist es am Geburtstag wo man ihr anmerkt, dass es sie schmerzt nicht genau zu wissen, an welchem Tag, in welchem Jahr, sie geboren wurde. Längst hat sie es aufgegeben meine Grossmutter danach zu fragen, denn Jahr für Jahr bekam sie immer eine andere Antwort.

Sie hatte es nicht leicht meine Mutter, aus irgend einem Grunde war sie eher eine Belastung als eine Tochter. So kam es, dass meine Grossmutter das Fischerstädtchen verliess als meine Mutter 2 Jahre alt war und ihre ledige, jüngere Schwester, eine der Tanten meiner Mutter damit beauftragte sie grosszuziehen. Niemand ahnte zu dieser Zeit, dass Mutter und Tochter erst wieder in 18 Jahren zusammenfinden würden.

Grossmutter wollte in die grosse Stadt, Geld verdienen um vielleicht bald zurückzukehren um sich ein Haus zu bauen. 40 Jahre sind vergangen und Grossmutter lebt immer noch am Rande der Stadt. Mittlerweile hat sie ein kleines Häuschen, verschliss bereits den zweiten Ehemann und hat sieben weitere Kinder. Ihren Traum vom kleinen eigenen Haus in ihrer Heimat hat sie längst im Schutt des Alltags verloren. Sie ist zufrieden, wenn es einwenig Arbeit gibt und sie die vielen Münder stopfen kann, mehr will sie nicht mehr. Ihr Traum ist jetzt das Himmelreich welchen ihr so eine sektiererische Freikirche a la "made in USA" in den Kopf gesetzt hat. Tag für Tag geht sie missionieren, sie muss wenn sie in den Himmel kommen will. Und für den Himmel tut sie alles! Vernachlässigt die Arbeit, die Kinder, das Leben, den letzten Ehemann welcher sich über die letzten Jahre damit begnügte auf dem Schemel vor dem Haus zu sitzen und sich stoisch in den tod soff. Das Himmelreich war zuviel für ihn.

Über ihren Vater weiss Mutter nicht viel. Er war einer dieser Reisenden welche überall im Grenzland ihre schnellen Geschäfte machen und an vielen Orten Frau mit Kinder haben. Zweigniederlassung nennt man dies. Ab und zu war er für einige Wochen zu Hause um nach kurzer Zeit und Schwängerung der Frau erneut loszuziehen. Leider starb er als Mutter noch sehr klein war. Zeit seines Lebens sagte er, dass er stehend begraben werden wolle. Der Totengräber weigerte sich jedoch dies zu tun. Doch nach einigen schlaflosen Nächten mit schlechtem Gewissen und Angst vor dem Geist meines Grossvaters erfüllte er ihm den Wusch, budelte ihn aus, vegrösserte das Grab um ihn aufrecht reinzustellen. Darüber spricht man noch Heute, nach über 30 Jahren im Heimatstädtchen meiner Mutter.

Mutters Tante war eine lebensfrohe, kräftig gebaute Frau mit unglaublich schönen Gesichtszügen. Sie war Lehrerin, was ihr im Fischerdörfchen eine gewisse Autorität gab. Sie arbeitete ziemlich weit in den Mangroven draussen in einem kleinen Nest als Lehrerin. Da der Weg sehr weit war, blieb sie meist von Montag bis Freitag in dem kleinen Nest und überliess die Erziehung meiner Mutter vor allem ihr selber, der zweiten Tante, den Cousinen und dem Dienstmädchen welches ebenfalls noch Kind war und von der Tante mit Essen und Bildung bezahlt wurde.

Die Zeit war hart. Geprägt von Vernachlässigung und Schlägen entwich meine Mutter der Kindheit. So oft sie konnte floh sie aus der dunklen Bretterbude auf die Gasse wo es hell war, die Sonne wärmte und Menschen waren. Ihre Brüste fingen gerade an zu spriessen, als sie auch vor einem Cousin fliehen musste, der sich eines nachts auf sie legte und in sie eindrang. Dieses Erlebnis machte sie noch einsamer, denn niemandem konnte sie davon erzählen, niemand schien die Veränderungen zu bemerken, Angst und Schmerz in ihren Augen wahrzunehmen wenn der Cousin wieder mal aus einem ganz bestimmten Grund zu Besuch kam. In dieser Zeit hatte sie nur eine Hoffnung, ihren Bruder der vor langer Zeit das Haus verliess um Geld zu machen und seither verschollen ist wiederzusehen. Der Gedanke an ihn gab ihr Kraft, Zuversicht.

Kurz, ihre Kindheit verging rasend, sie erlebte viel, erlebte sogar einen Tsunami als man dieses Wort in Europa noch mit einem südländischen Nachtisch verwechselte. 

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7. Mai 2008 3 07 /05 /Mai /2008 13:55
 Es war irgendwann mal  im Oktober 1989 als die ganze Sache mit mir anfing. Wenn es stimmt, dass auf der anderen Seite der Erde das Wetter entgegengesetzt ist, dann war dort Beginn des Sommers. Dies bedeutet in meinem kleinen Fischernest mitten in den Mangroven endlich ein bisschen weniger Luftfeuchtigkeit und einwenig mehr Geld durch Touristen die weniger arm als wir waren.

Meine Mutter arbeitete zu dieser Zeit in einer der zahllosen Fischfabriken, deren Besitzer ein "gringo" war. Ein typischer 3. Welt Job, viel Arbeit, kaum Geld, du schaffst an für die Konten der reichen Ausländer und korrupten Politiker deines Landes. Man stelle sich vor, Du bearbeitest Lebensmittel und hast vor Hunger Magenkrämpfe. Die Vorarbeiter passen nur auf, dass ja nichts vom Fisch gestohlen werden konnte. Selbst bei einem Fischkopf gab es Probleme was meist bedeutete, dass du fristlos entlassen wurdest. Eben gerade dieser Vorarbeiter in der Fabrik war scharf auf meine Mutter und er versuchte alles um sie flachzulegen. Da es nicht klappte behandelte er sie wie Dreck. Meine Mutter war damals eine echt schöne Frau. Groß gewachsen, schlank, straffe Brüste, knackiger Po und einer samt glänzenden Hautfarbe wie dunkle Schokolade, eben so richtig zum reinbeissen. Noch Heute mit 40 sticht sie viele jüngere Mädels aus mit ihrem aussehen.

Eben an einem dieser Oktobertage, ich nehme an es war ein Samstagabend oder Sonntag Nachmittag, ging Mutter wie öfters an die Promenade am Meer in eine der vielen Diskotheken um fröhlich zu sein, zu lachen zu tanzen und die Unwürde der Armut, den Hunger, den Alltags zu vergessen.  Die Gute ahnte nicht, dass dieser Abend der Beginn einiger der härtesten Jahre ihres Lebens werden würde.

Ich nehme an, sie sass dort mit Freunden vor einer Flasche Rum und Cola, mit Freunden die wie sie in einer Bretterbude lebten und nach und nach Mauern aus Ziegelsteinen hochzogen, in der Hoffnung, möglichst bald ein bescheidenes Haus zu haben mit Klo statt einem Loch im Garten, mit fließend Wasser statt einiger alten, rostigen Tonnen die, falls es Wasser gab, alle par Tage mit Wasser gefüllt wurden. Sicher hat sie viel getanzt, diesen alten "Salsa brava" der in der Gosse entstand, mit seinen Texten die aus ihrem Herzen kamen als wären es ihre und ihrer Freunde Worte.

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6. Mai 2008 2 06 /05 /Mai /2008 12:37

Also um es kurz zu machen, an diesem Abend sollte meine Mutter meinen Vater besser kennen lernen. Sie kannten sich schon seit ewig, wie sich das ganze Fischernest seit ewig kennt. Sie wusste, dass er eine Tankstelle besitzt und seit Jahren sah sie ihn dort Benzin verkaufen wenn sie mit ihrem Onkel vor dem Fischen den Zweitakter des Kanus soweit volltankte, dass es gerade für die Fahrt reichte.

Es war ein hübscher Kerl, dunkel wie sie und feinen, beinahe zierlichen Gesichtszügen. Man wusste nicht genau, war er nun verheiratet oder nicht. Es gab Leute die munkelten, dass er es war. Er selber betonte immer vehement, dass er ledig sei, auf der Suche nach einer, die zu ihm passe. Meine Mutter glaubte ihm dies, denn würde er sonst Woche für Woche alleine in die Diskothek kommen? Da er Besitzer der einzigen Tankstelle im Fischerdorf war, war er begehrt weil begütert. Er konnte ohne Probleme die heißesten Bräute abschleppen was er in vollen Zügen auch tat. Alle hatten Hoffnung mit ihm das große Los zu ziehen. Alle bis auf meine Mutter. Sie machte sich nicht einmal Gedanken über ihn, begnügte sich ihn anzuschauen. Denn so ein Kerl würde sich nie und nimmer mit einer wie ihr einlassen. Einer ohne Ausbildung, ohne richtiges Haus, ohne Wohlstand.

Doch meine Mutter irrte sich und hatte Recht!

Auf einmal stand er da in all seiner Pracht. Sein vertrauenserweckendes lächeln, der Glanz seiner dunklen Augen schien nur für sie zu sein. Höflich bat er sie zu einem tanz, noch einem und noch vielen zwischen den endlosen Colas mit immer mehr "libre" und weniger Cola. Irgendwann an diesem Abend muss er ihr gesagt haben, dass er schon lange auf sie Aufmerksam geworden sei, dass sie schön sei, dass er von ihr träume. Cola, Worte und Sehnsucht meiner Mutter taten dass ihre und Mama verschwand zum ersten mal mit einem Mann wie üblich in in diesem Fischernest in einer Absteige. Weder sie noch ich wissen genau, ob dies meine Nacht war, denn es waren einige Nächte mehr, die sie mit Hoffnung auf ein besseres leben und schlussendlich mit mir füllten.

Wie allgemein üblich in solchen Situationen kam es nach relativ kurzer Zeit des Glücks zu einer Ausprache und der Tankstellenbesitzer verliess fluchtartig Mutter und mich. Er war tatsächlich verheiratet der vertrauenserweckende Kerl mit seiner Tankstelle und Mutter sah ihn nur noch von weitem oder vom Kanu aus beim tanken.

Voller Scham sass meine Mutter in solchen Augenblicken fast unsichtbar im Kanu, wagte nicht den Kopf zu heben um ihren Tankstellenbesitzer anzusehen. Manchmal gelang es ihr ihn aus den Augenwinkeln zu erhaschen und beim Anblick dieses lächelns und dieser Augen erkannte sie, dass es nicht mehr ihr lächeln und nicht mehr ihr Augenglanz war, er nahm sie in keiner Weise mehr war. Herzschmerz und Sehnsucht nach vergangenen Tagen erweckten jedesmal beim auftanken des Zweitakters einen hässlichen Schmerz in Mutters Seele. Doch noch wagte sie nicht zu Hause zu erzählen, dass sie geschwängert wurde und sie fürchtete sich vor dem Tag wo es sichtbar werden würde.

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Über Diesen Blog

  • : Biographisches und andere Geschichten
  • : Es geht um das Leben einer Mutter aus den Slums. Erlebtes in Südamerika und hier. Um Gedanken und Gefühle. Um Wut und Liebe - kurz - es geht um das Leben.
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  • Habe gelebt - intensiv - und habe vor dies weiter zu tun.

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