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9. Mai 2008 5 09 /05 /Mai /2008 14:24

 

... "Ich glaube man hat nicht berücksichtigt, wie weit die politische und gesellschaftliche Situation ein vorgegebener Nährboden für die Kultivierung des Drogenhandels geworden ist, in einem großen, glücklosen Land wie Kolumbien, das Jahrhunderte eines Steinzeit-Feudalismus, dreißig Jahre unbefriedeter Kleinkriege und eine ganze Geschichte von Regierungen ohne Volk hinter sich hat ..."
(Gabriel Garcia Marquez in der FAZ v. 08.11.1989)


Die Welt schickt sich an, eines der perversesten Feste zu feiern - die Fünfhundertjahrfeier der Entdeckung Amerikas. Als Kolumbus sich in der Nacht vom 6. zum 7. Oktober 1492 entschloss, den Kurs nicht zu ändern, sondern den Papageienschwärmen nach Südwesten zu folgen, hatte der Mann wohl keine Ahnung, daß mit seiner Entdeckung der "Neuen Welt" eines der größten Verbrechen an der Menschheit seinen Anfang nahm. Als Kolumbus den neuen Boden betrat, lebten 70 Millionen Menschen der verschiedensten Kulturen auf diesem Kontinent. Hundertfünfzig Jahre später waren es nur noch 3,5 Millionen.

An dieser lebensvernichtenden Situation hat sich bis heute nichts geändert. Neben den Eingeborenen sind es heute die Kleinbauern und Randgruppen der Gesellschaft, die im Wege stehen. Falls sie Land besitzen und ihre Rechte fordern, werden paramilitärische Gruppen auf sie angesetzt, die die Interessen der Großgrundbesitzer durchsetzen. Diese halten auf dem blutig erworbenen Boden Rinder für das Schnellimbißfutter der Europäer und Gringos, oder bauen Soja für den Export als Viehfutter in Europas Ställen an. Zur gleichen Zeit leidet die Mehrheit der Bevölkerung im eigenen Lande an Unterernährung und viele verhungern. Dies gehört in der Großstadt zum Alltag.

Die Verbrechen gehen weiter, nur trägt die Schuld nicht mehr nur die heilige Kirche, sondern auch die wirtschaftliche und moralische Skrupellosigkeit einiger eingewanderter Familien und der Mächtigen der Welt. Die Methoden sind subtiler geworden, die Ergebnisse sind die gleichen geblieben: Ausplünderung, Verarmung, Hunger, Verzweiflung, Tod. Die Welt beginnt fröhlich die Entdeckung Amerikas zu feiern, sie feiert auf dem Trümmerfeld, das die Konquistadoren hinterlassen haben. Gegenstimmen gibt es kaum. Wenn doch, dann werden ihre Urheber dort als unverbesserliche Spinner belächelt. Hier werden sie eingeschüchtert, und wenn das nichts hilft umgebracht. Die schon fünfhundert Jahre andauernde Zerstörung der bodenständigen Kulturen und die Verweigerung jeglicher Bildung tragen traurige Früchte: Alkoholismus als Volksepidemie und überbordende Gewalt sind nur die auffälligsten Zeichen dafür. Daran wird sich auch zukünftig kaum etwas ändern, ein ungebildetes Volk läßt sich leichter in Knechtschaft halten und ausplündern. Die Unbildung der Bevölkerung, die keine Ahnung von ihren Rechten hat, garantiert der industrialisierten Welt weiterhin den sorglosen Umgang mit den natürlichen Ressourcen und den Genuß billiger Leckerbissen in Form von Ananas, Kaffee, "Badeurlaubkultursafariesalsareisen" und so weiter. Daß die Schattenseite der Drogenanbau und Handel sind, gesteht man sich als wohlhabender Europäer nicht ein. Im Gegenteil, man sucht einen Schuldigen, und weltweit hat man sich auf das von allen Seiten gebeutelte Kolumbien eingeschossen. Haben Sie jedoch gewußt, daß von jeder erwirtschafteten Drogen-DM ganze 25 Pfennig in eine kolumbianische Tasche fließen, und daß das Hauptgeschäft Bankiers, Politiker, usw. anderer Nationen machen?

Wie würde wohl Familie "Bundesbürger" handeln, wenn sie durch die Kultivierung von Bananen, Ananas, Kaffee und so weiter zu wenig zum Überleben verdienen würde? Auch sie würde mit Sicherheit den Anbau von Kokain und Marihuana der Prostitution ihrer Kinder vorziehen. Glücklich, wer diese Alternative überhaupt hat, befinden sich doch 65 Prozent des bebauten Landes in den Händen von nur 4 Prozent Großgrundbesitzern, während sich die Massen der Campesinos mit den restlichen 35 Prozent begnügen müssen.

Wer fragt weiter nach den Folgen, die der Drogenanbau für dieses Land selbst hat? Vor allem im städtischen Bereich sieht sich Kolumbien mit einem raschen Anstieg des Kokainverbrauchs konfrontiert. Insbesondere in den Armenvierteln gibt es Hunderttausende von Jugendliche, die regelmäßig mit Tabak vermischte Kokapaste (Basuco) rauchen, eine aufgrund der hochgiftigen Verunreinigungen des Kokainzwischenprodukts höchst gesundheitsschädigende Praxis (laut Shannon -1988- gab es Mitte der 80er Jahre in Kolumbien rund 600 000 Basuco-Raucher).

Der größte Teil der Menschheit lebt unter menschenunwürdigen Bedingungen in der sogenannten dritten Welt. Wann beginnt man diese Mehrheit als gleichwertiger Partner zu behandeln, statt sie mit erbärmlichen Almosen abzuspeisen, wie es zum Beispiel die Schweiz getan hat, als sie die 700-Jahre-Schweiz-Feierlichkeiten zum Anlaß nahm, um 700 Milliönchen an die dritte Welt zu verschenken (ich schäme mich Schweizer zu sein).

Wir stehen längst über dem Abgrund und mit dem Rücken zur Zukunft, und ich fürchte, es wird schlimmer. Der Kommunismus ist gescheitert, die übermächtige EG bekommt eine Monopolstellung, der Kapitalismus tanzt weiter fröhlich Richtung Steinzeit. Wer es zuerst bezahlt, das ist die dritte Welt.

Es wäre an der Zeit, daß man in der industrialisierten Welt an Wiedergutmachung zu denken beginnt, auch wenn es kaum etwas wieder gut zu machen gibt. Immerhin, man könnte Schlimmeres verhüten, Aufbau statt Ausbeutung betreiben. Die imaginären Linien, die man Grenzen nennt, haben keine Zukunft. Alle brauchen wir einander. Wie sähe es heute wohl in Mitteleuropa aus, wenn es nicht durch fremdes Kulturgut bereichert worden wäre? Erbärmlich, daß man nun gerade Menschen dieser Kulturen zu hassen beginnt, daß sich Politiker zu Sprüchen wie: "Heute schenken wir ihnen ein Fahrrad, morgen rauben sie uns unsere Töchter" herablassen. Erinnern wir uns an Vergangenes. Ich bin sicher, es kann Achtung für die Kulturen entstehen, die jetzt Europa brauchen wie Europa sie gebraucht hat und auch weiterhin braucht.


© Willi Tell 1995 (2.Überarbeitung)

 

 

 

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8. Mai 2008 4 08 /05 /Mai /2008 10:04

Vor 23 Jahren wurde ich in einem Armenviertel "Tumacos" geboren. Wir leben ein wenig besser, als die Menschen, die nur einige Meter weiter ihre Häuser auf Pfählen ins Meer bauten. Bis heute haben wir jedoch kein fließend Wasser und kein Klo. Das Wasser ist viel zu teuer, so graben wir uns im Viertel abwechselnd vor den Häusern etwa 2 Meter tiefe Löcher, um so an die Wasserleitungen der Stadt zu kommen. Natürlich weiß dies die "Wasserversorgung" der Stadt, die trauen sich jedoch nicht ins Viertel rein, die könnten eh nichts machen, die Leitungen sind nun mal verlegt.

 

Das Löcher graben und Wasser schleppen ist hauptsächlich Sache der Kinder und Jugendlichen. Bis z.B. bei uns zu Hause das Petroleumfass, hinterm Haus voll ist, vergehen einige Stunden und meist muss es täglich zweimal aufgefüllt werden. Sich duschen, abwaschen, das Saubermachen und kochen für mindestens 6 Personen täglich braucht trotz aller Sparsamkeit sehr viel Wasser. So ist also dieses Petroleumfass unsere Wasserreserve und gleichzeitig Dusche, indem wir uns daneben stellen  und aus einem Plastikeimer Wasser über uns schütten.

 

Strom haben wir im Viertel seit langer Zeit, doch es vergeht kaum ein Tag wo es nicht im ganzen Viertel über Stunden einfach gesperrt wird, wir haben uns daran gewöhnt, dass wir abends zwischen ca. 20 Uhr und 22 Uhr nie Strom haben. Muss die Stadt Strom sparen, dann macht sie dies auf unsere Kosten und schaltet einfach die Leitungen ab, während in den Fabriken der Reichen und Ausländer und ihren Wohnvierteln die Energie verschwendet wird. Dies war immer so und nicht erst seit der landesweiten Rationalisierung der Energie.

 

In der hintersten Ecke unseres kleinen Grundstückes haben wir uns eine tiefe, große Grube gebaut die als Klo dient und alle paar Jahre ausgepumpt wird. Damit man ein wenig Sichtschutz hat, haben wir sie mit Wellblech eingefasst und gegen den Geruch ist ein schwerer Blechdeckel zum Abdecken auf dem Loch. Unangenehm ist es nur wenn es stark regnet, denn da ist unser Grundstück, welches wie der größte Teil unserer Vierteln auf Meersand ist, ein einziger Matsch.

 

In den letzten 10 Jahren haben wir nach und nach alle Holzaußenwände des Hauses durch Beton oder Ziegelsteine ersetzt, so dass wir jetzt ein recht angenehmes Zuhause haben. Als nächstes bauen wir uns ein richtiges Klo, die Grube dazu haben wir bereits ausbetoniert.

 

Wie die meisten Männer hat auch unser Vater sehr viel getrunken und sich zuerst mal Alkohol gekauft und erst danach was zum essen für uns. Als er sich zu Tode gesoffen hatte, ging unsere Mutter nach Cali Arbeit suchen. In Tumaco gibt es viel zu wenig Arbeit, und wenn, dann ist sie schlecht bezahlt.

 

Da die Mutter nicht wusste wie und wo sie Arbeit finden würde in dieser Großstadt, ließ sie uns Kinder in Tumaco zurück, unsere Tanten haben uns hauptsächlich erzogen. Die Mutter konnte uns nicht nach Cali nachkommen lassen, weil sie mit ihrer kranken und alten Mutter mehr als genug zu tun hatte und ihr Einkommen nicht auch noch dafür ausreichte uns Kinder durchzufüttern und die Schule zu bezahlen.

 

Cali ist zwar eine Industriestadt, doch die Hoffnungen unserer Mutter erfüllten sich nicht in dem Maße wie sie es sich erträumte. Sicher, sie hat nun ihr geregeltes Einkommen, ihren festen Arbeitsplatz, doch statt in den Slums in Tumaco, lebt sie nun in den Slums von Cali, und die sind nicht viel anders, in Cali hat man es jedoch leichter um Arbeit zu finden.

 

In "Tumaco" ist alles ein bisschen schwieriger, so dass ich nur eine sehr minimale Schulbildung hatte und schon sehr früh mitarbeiten musste. Zum Glück ist eine meiner Tanten Lehrerin und ich konnte nebenbei viel lernen wenn meine Tante Zeit hatte.

 

Ich arbeitete den ganzen Tag wie eine Verrückte in einer Fischfabrik. Ich putzte, schälte, verpackte das Zeugs, das hauptsächlich exportiert wurde. Verrückt, da stehe ich mit Hunger im Bauch an meinem Arbeitsplatz und verpacke Meeresfrüchte, Thunfisch etc. für das Ausland. Wie meist üblich in Tumaco, ist der Besitzer dieser Fabrik ein "gringo" der irgendwo in den Staaten lebt, der sich durch unsere Plackerei eine goldene Nase verdient und sein Oberaufseher ist natürlich auch ein Weißer, ein ganz schlimmer, der machte mit uns Mädchen und Frauen was er wollte, wir waren für ihn der letzte Dreck.

 

Die Arbeitsbedingungen waren sehr schlimm, doch was willst Du machen, wenn vor der Türe Hunderte auf Deinen Arbeitslatz warten und den du mit Sicherheit verlierst, wenn du nur’s Maul aufmachst? Wir arbeiteten Täglich von 6 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags 10 Stunden ohne Pause, ohne essen und verdienten je nach Akkordleistung wöchentlich höchsten um die 7000.- col$ bis 10 000.- col$! Ein Gehalt, womit Du unmöglich leben kannst, doch wir arbeiten dafür, denn lieber schlecht bezahlte Arbeit als nur herumsitzen und nichts zu tun haben. Dieses "keine Arbeit" haben ist schlimm, ist schlimmer als schlecht bezahlte Arbeit haben, denn dies macht Dich im Laufe der Jahre aggressiv und deprimiert. Aus diesem Grunde wird so viel gesoffen und Rauschgift konsumiert. Viele der Frauen und Mädchen die unter solchen schlechten Bedingungen arbeiten müssen, gehen nebenbei der Prostitution nach, damit ihre Familien überleben können und natürlich macht auch dies aggressiv und die Scham darüber wird mit Alkohol und Basuco verdeckt.

 

Als ich vor 3 Jahren schwanger wurde, stellte sich heraus, dass der Mann in den ich verliebt war nur mit mir gespielt hatte, wohl weil ich noch so jung war. Er war bereits verheiratet und hatte Kinder. Ich war wohl nicht das erste und letzte junge Mädchen, welches dieser Tankstellenbesitzer hinterging.

 

Um dieses bittere Erlebnis besser überwinden zu können und weil es für mich klar war, dass mich in "Tumaco" nur eine schwierige Zukunft mit noch mehr Hunger erwarten würde, wenn mein Kind erst mal geboren war, ging ich zu meiner Mutter nach Cali, die mit ihrem neuen Lebensgefährten im "Distrito Aguablanca" lebt und erhoffte mir, da bessere Bedingungen vorzufinden.

 

Die Zeit wurde recht hart, ich bekam Zwillinge und lebte mit meiner Mutter, meiner jüngeren Schwester und zwei älteren Brüdern von dem kleinen Gehalt was die Mutter nach Hause brachte und was wir anderen Familienmitglieder so ab und zu dazu verdienen konnten. Der Lebensgefährte meiner Mutter arbeitet nichts, führt sich auf, als wäre er der große Herr. Meine Mutter gibt ihm immer Geld und auch von uns versucht er immer etwas zu bekommen. Der hat sich sogar erlaubt, mal an meinem  Arbeitsplatz vorbeizugehen und zu fragen ob sie mir das Gehalt schon ausgezahlt haben.

 

Ich fand Arbeit als "Arztgehilfin" in einem Projekt eines deutschen Padres ebenfalls im "Distrito". Doch von den ärmlichen 40 000.- col$ monatlich, die ich dort als "Angelernte" bei 5 Tagen Arbeit die Woche verdiene, kann man auch keine großen Sprünge machen, d.h., eigentlich kann ich davon gar nicht leben. Während ich über Weihnachten, erstmals wieder nach drei Jahren, meine restliche Familie in Tumaco besuchen ging, hat der Padre mich und sieben andere Mädchen entlassen. Nun suche ich eine Arbeit, die besser bezahlt ist und wo ich genügend Zeit für die Schule habe, ich möchte auch gerne wieder meine beiden Söhne bei mir haben.

 

Da ich abends nach der Arbeit das "Bachillerato" nachmache, musste ich bereits vor längerer Zeit einen meiner Söhne zurück zu meinen Tanten nach Tumaco geben und nun ist seit Weihnachten auch mein zweiter Sohn dort. Ich schaffe es einfach nicht, morgens um 5 Uhr aufzustehen, alles für die Kinder zu richten, diese in den Hort zu bringen, dann bis 6 Uhr abends arbeiten und danach ohne Pause gleich in die Schule bis 9.30 Uhr abends. Ich hatte nicht selten einen 16 Std. Tag und habe dies einfach nicht mehr durchhalten können.

 

Mein "Bachillerato" ist mir jedoch sehr wichtig, ich will etwas ordentliches studieren, ich bin ja erst 23 Jahre alt. Was ich studieren möchte weiß ich noch nicht genau, etwas, wo ich den Menschen helfen kann, etwas Soziales. Doch ob dies klappt steht noch nicht fest, denn die Universität kostet gemessen an unseren Lebensbedingungen, viel zu viel Geld und ich weiß nicht, ob meine Familie hier in Cali und in Tumaco dies wird finanzieren können.

 

Ich möchte nie so leben müssen wie einige meiner Freundinnen. "Vicky" z.B. lebt nun im Zentrum an der Cra. 10, da, wo gleich die "olla" anfängt. Sie hatte Glück und kann umsonst in der Wohnung eines älteren Herrn leben, sie muss dann einfach ab und zu mit ihm schlafen und hat ansonsten ihren Freiraum. Früher war sie jahrelang bei irgendeiner älteren Frau Dienstmädchen und die hat sie behandelt wie der letzte Dreck, hat einfach ihre schlechte Laune an "Vicky" ausgelebt. Kam sie mal unverschuldet zu spät, wurde sie klein gemacht und musste ohne Bezahlung wieder gehen. Ein Tag ohne bezahlte Arbeit bedeutet bei diesen Hungerlöhnen ein Tag ohne was zu essen. Als die Alte sie dann des Diebstahls bezichtigte, weil sie in ihrem Durcheinander etwas nicht finden konnte, hatte meine Freundin genug und ging. Nun schlägt sie sich mit Gelegenheitsarbeiten rum wie nähen, Pedicure etc. und am Wochenende ist sie als Tänzerin bei einem "Salsa-Orchester" engagiert. "Vicky" ist eine sehr schöne Frau und so hat sie keine Mühe, dass Männer sie abends zum Essen oder in die Diskothek ausführen. Doch da auch sie "schwarz" ist, ist sie für die "weißen" Männer vorwiegend nur Lustobjekt.

 

Viele von uns Armen verlassen, außer zur Arbeit, fast nie den  "Distrito" und das Zentrum der Stadt ist für uns etwas Fremdes, weit entferntes. Mit unseren Gehältern könnten wir niemals in den Geschäften des Zentrums etwas zum anziehen kaufen, oder uns in ein Lokal setzen um eine Cola zu trinken, ein Eis essen gehen wovon zwei Kugeln bereits 1 000.- col$ kosten. Im Zentrum, da ist alles so ganz anders, da gibt es so viel Luxus, dass es nur schwer vorstellbar ist, dass bei und draußen so viel Armut und Elend herrscht.

 

Doch ich fühle mich wohler und freier bei uns draußen, ein Großteil der Leute im Zentrum, elegant angezogen, und die uns verachtend angucken erinnern mich an ein Lied von Ruben Blades, es heißt "Plastico", ich singe es Dir "mono":

 

Ella era una chica plastica / De esas que veo por ahi,

De esas que cuando se agitan / Sudan Chanel "number three".

Que sueña casarse con un doctor / Pues el puede mantenerlas mejor.

No le hablan an nadie si no es su igual, / A menos que sea fulano de tal.

Son lindas, delgadas, de buen vestir, / De mirada esquiva y falso reir.

 

El era un muchacho plastico / De esos que veo por ahi,

Con la peinilla en la mano / Y cara de yo no fui.

De los que por tema en conversacion / Discuten que marca de carro es mejor.

De los pue prefieren el no comer / Por las apariencias que hay aue tener

Pa andar elegantes y asi poder... / Una chica plastica recoger. !Que fallo!

 

Era una pareja plastica / De esas que veo por ahi.

El pensando solo en dinero, / Ella en la moda en Paris.

Aparentando lo que no son, / Viviendo en un mundo de pura ilusion.

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8. Mai 2008 4 08 /05 /Mai /2008 09:53

 

Nacht, eine quälende Nacht wo die Minuten, Sekunden, gehemmt durch erschreckende Gedanken und Erinnerungen an Blut, Gewalt, Elend und Tod Richtung Morgengrauen kriechen. Ob diese Tropfmaschine der Zeitmessung weiterhin so ruhig und zielgerichtet das Gegenwärtige in Vergangenes und somit unwichtiges zerstampfen könnte, hätte sie Gefühle, könnte sie sehen? Gott sei Dank rast dieses Ungetüm der Zeitmessung unaufhörlich brutal die schönsten Augenblicke zerstörend, gnädig das elend vergangen werdend und Hoffnung spendend auf das Morgen, ihrem unendlich weit entfernten Ziele zu, welches sie doch nie erreichen wird. 

 Zu Tausenden leben sie diese Hoffnung des unerreichbaren Morgen, in den Slums, in den Schlafhöhlen am Fluss, in irgendwelchen Nischen der "olla". Hoffend im "Basuco" Rausch die Nacht zu überleben, am Morgen endlich Arbeit zu finden, den vor Hunger schmerzenden Magen sättigen zu können, die Kinder - statt mit "Basuco" zu betäuben - damit sie den nagenden Hunger nicht spüren - mit ein wenig Reis, "papas" oder "jucas" zu füttern.

 

Doch die Zeit rast weiter, läßt jede Nacht hingerichtete "desechables", "Basucoraucher", Schwule, Huren, Jugendliche und andere Subversive, vergewaltigte Mädchen, verhungernde Kinder, aus Scham sich zu tode saufende Väter, durch erlebtes an der Grenze zur Verrücktheit stehende Mütter hinter sich, die Tausende von Nächten, in Angst und Schrecken und immer weniger Hoffnung auf ein neues, ein anderes, DAS MORGEN hoffen.


Cali, 28 de agosto de 1994

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7. Mai 2008 3 07 /05 /Mai /2008 14:32

Wie seit vielen Nächten schleppt sich das junge, schöne Mädchen mit dem Hauch von Verruchtheit und ewiger Jungfräulichkeit Richtung des Tales, vor dessen Betreten sie seit damals Furcht hat, als die ganze Familie gezwungen war ein anderes, das Tal ihrer Erde zu verlassen, da mächtige Männer aus der großen Stadt gekommen sind um das bißchen Erde welches der ganze Besitz und Stolz der Familie war zu übernehmen. Lange sträubten sie sich, die par Hektar karge Heimat aufzugeben, doch die Grausamen aus der Stadt töteten einige ihrer Brüder, vergewaltigten regelmäßig alles was Frau war oder bald werden würde, bis schließlich der Vater den zerstörten Überrest einer einst heilen Familie in diese Stadt führte, in dieses von Neid, Angst und Tod zerfressene Tal am Rand der großen Stadt, die nachts mit ihren gleißenden Lichtern Verlockung und ein wenig Wohlstand verspricht.

Je näher die Lichter aus dem Tal rücken, desto tiefer spürt „Erendíra“ die Entwürdigung als tiefen stechenden Schmerz zwischen ihren Beinen, als gierige Hände an ihren bereits erblühten, straffen Brüsten. Wie viele wa­ren es diese Nacht, die für einige Pesos auf sie stiegen, rücksichtslos die Tränen und das Schmerzgestöhn dieses jungen, erst am aufblühenden Frauenkörpers als Lust empfanden? Dieses stechende Gefühl, als würde man ihr innerstes verbrennen ertrug sie zum ersten mal vor drei Jahren, als „Erendíra“ knapp 11 Jahre alt neben dem Körper eines ihrer toten Brüder mehrmals rücksichtslos genommen wurde als wäre sie eine läufige Hündin. So erlebt sie den Mord an ihrem Bruder, täglich neu bis zwanzig mal, durch diesen entsetzlichen entwürdigenden Schmerz in ihrer Seele.

 

Mit Gedanken versucht „Erendíra“ die Angst vor ihrem einsamen , gefährlichen Nachhauseweg zu bekämpfen, denkt an das bißchen Kindheit welches sie hatte, an die vor Gram gestorbene Mutter, ihre Brüder. Wie konnte sich der Vater in diesem Tal nur so verändern? Früher, auf ihrem Stückchen Heimat war er ein muti­ger, stolzer Mann, niemand beherrschte die Pferde so wie er. Selbst die wildesten „yeguas“ machte er sanft und es war eine Augenweide ihn auf dem Pferd zu sehen. Als wäre er mit dem Tier verwachsen vollführte er die schwierigsten Kunststücke, .man hat ihn nie Schreien, ein Tier, seine Frau oder Kinder schlagen sehen. Er war so groß, dieser wilde zarte Mann, daß er Gewalt nicht brauchte. Nie zeigte er seinen Schmerz, selbst an den Gräbern seiner Söhne sah er aufrecht und mit funkelnden Augen in die Gesichter der Trauergäste, mit Augen, die jedermann Furcht einflößten, wenn der wilde feurige Blick sie traf.  Doch heute sind diese Augen erstarrt, leer. Der Alkohol, „Basuco“ haben das Klingen der Seele des Vaters verstummen lassen. Jetzt schreit und schlägt er immer öfters die übriggebliebe­nen Kinder, ist kaum mehr nüchtern, bewegt sich ruhelos wie eine gefangene Wildkatze in der kleinen, ver­gammelten Bretterbude, wo es rein regnet und beim großen Regen der Boden wie ein Sumpf ist, wo der Rest der Familie in zwei Bettähnlichen Rohrgestellen mit durchgeweichten, irgendwo auf dem Abfall gefundenen Matratzen, abwechselnd schlafen muß.

  Würde sie dieser gebrochene Mann auch heute wieder schlagen, der Mann der einst ihr stolzer Vater war und vor dem sie immer weniger Achtung und immer mehr Angst hatte? Würde er auch heute so besoffen sein, daß er versuchen wird auf seine eigene Tochter zu steigen, auf die Tochter, auf die er früher ob ihrer großen Schönheit so stolz war und welche er nun schlägt weil sie anschaffen geht um das überleben zu fi­nanzieren, welche er auch schlägt wenn sie mal nicht anschaffen gehen will?

 

Wie sich doch ihre Welt verändert hat seit damals als man die geliebte Heimat verlassen hat. Ihre restlichen Brüder haben einen Namen durch ihren Wagemut als Mitglieder in einer dieser Jugendbanden, die das Tal so unsicher und lebensfeindlich machen. Täglich hat „Erendíra“ Angst, daß sie bei ihrem einsamen Nachhauseweg plötzlich vor einem ihrer übriggebliebenen Brüder stehen könnte, mit starrem Blick, verzerrtem Gesicht, verkrampften Gliedern auf der Straße liegend, hingerichtet von einem dieser „Todesschwadrone“ oder einer anderen Bande. Gott scheint die Familie verlassen zu haben, als sie ihre geliebte Heimat verlassen hat, als würde er ihnen diesen Verrat am Aufgeben der Erde nie verzeihen und nun Elend über Elend auf die gebeu­telte Familie schleudern. Ob es nicht besser gewesen wäre auf dem Stückchen Heimat zu bleiben, nach und nach zu sterben, zu sterben auf der geliebten Erde und nicht hier in diesem von Gott und der Welt vergesse­nen Tal? Alle sind sie längst tot durch die Schande, die Entwürdigungen, durch das erbärmliche vegetieren im Nirgendwo, angesiedelt im Nichts, nicht Mensch nicht Straßenköter.

 

„Erendíra“ erreicht nun den Beginn wo der Asphalt verlorengegangen schien, sich die Straßenlaternen ob der alltäglichen Furchtbarkeit zurück gezogen haben, vor lauter Entsetzen zuerst das leuchten vergaßen um schließlich, ob all der abscheulichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Nichtexistenz in diesem Teil des Tales dem Zeugen sein vorzogen. Diese Lichter, die Sicherheit vorgaukelten, die stummen Zeugen von Vergewaltigung, Kampf, Tod existieren nur noch in den Erinnerungen derjenigen, die das Pech hatten weit nach Einbruch der Dunkelheit dazu verdammt zu sein diesen einsamen Raum betreten zu müssen.  

Das Mädchen bleibt müde stehen, ist viel zu ausgelaugt um noch Angst zu empfinden, beinahe Gleichgültig betrachtet sie die Büsche und Schatten wo jederzeit jemand lauern konnte um sie auszurauben, sich an ihr zu befriedigen wie bereits öfters. Seit ihre Brüder einige dieser Eindringlinge töteten, hat es sich herumgesprochen, daß man „Erendíra“ nicht ungestraft entehren darf. Es hat sich auch herumgesprochen, daß sie die Schwester einiger „bandilleros“ ist und ab und zu lauern ihr verfeindete Banden ihrer Brüder auf um durch „Erendíra“ Schande über die Familie zu bringen.

 

Sie setzt sich auf einen ihr lieb gewordenen Felsbrocken, fühlt sich beinahe wie früher, als sie fern der Stadt in ihrer Heimat tagelang da saß und fröhlich in den Tag hinein träumte, die Ziegen und Schweine der Familie hütete. Auch jetzt träumt „Erendíra“, träumt von Geborgenheit bei einem Mann der so ist wie es Vater war, träumt von Liebe, Leidenschaft die sie nur als Schmutz und Schmerz kennt und worüber ihre Freundinnen ihr immer erzählen, wenn sie sich morgens nach einem durchgetanzten Samstag in einer dieser billigen, schmuddeligen „Salsotecas“  bei „Chito’s tienda“ zum plaudern trafen. Noch nie hat sie einen Freund gehabt, jemanden der ihr lieb war und ihr kleine Geschenke brachte, nachts unter ihrem Fenster pfiff. Niemand will etwas mit ihr, der Hure zu tun haben, außer sie gelegentlich zu nehmen, wenn sie im Basuco Rausch die täglichen Entwürdigungen zu vergessen versuchte, apathisch da lag, nicht spürte wer und wie oft man über sie hinweg stieg.

 

Freilich gibt es einen jungen, verwegenen Mann; „Bambinas“, der Anführer der Bande „el combo de la muerte“. Stolz sieht er aus, wie ein Guerillero wenn er mit seiner Maschinenpistole und den umgehängten Handgranaten mit seiner Bande durch das Viertel zieht, auf jagt geht nach Feinden die im Viertel Terror verbreiten. Seit „Erendíra“ diese schwarze Wildkatze zum ersten mal sah wußte sie, dies ist der Mann dem sie sich hingeben wird, freiwillig, mit Leidenschaft und scheu als wäre sie immer noch Jungfrau und nicht gefüllt vom Ekel der drei Jahre absämerei. So oft es geht sucht sie seine Nähe, nur ein Blick von ihm und sie ist glücklich, läßt sie vergessen was man ihr antut. Wild, als wären es die ehemaligen Augen ihres Vaters, begleitet sie den heimlichen Geliebten so lange sie ihm mit den Blicken folgen konnte.

 

Einmal versteckte sie ihn in ihrer Hütte, als eine Bande wild gewordener Todesschwadrone durch das Viertel zog und alles umbrachte was um diese Uhrzeit jung, und noch irgendwo im Staub der Straßen hockte. Nie wird sie vergessen, wie in dieser Nacht das Viertel ohne Schutz war und diese Rächer der elitären Gesellschaft dreiundzwanzig Leben zerstörten, Leben, die zum teil noch Kinder waren wie der kleine, neun jährige „Pablito“ welcher von seiner Mutter geschickt wurde um bei „Pacho’s tienda“ ein wenig Öl zu kaufen und direkt in die Kugeln rannte. Man erkannte ihn kaum mehr, eine Ladung Schrott fetzte ihm das halbe Gesicht weg.

 

Aus irgend einem Grunde war „Bambinas“ in dieser Nacht nicht mit seiner Bande unterwegs, daß er beim großen Stein am Eingang zum Tal auf sie wartete erzählte er ihr erst später. „Erendíra“ jedoch ging an diesem Tag früher als sonst nach Hause, es gab kaum Kunden und der Tag lief schlecht. „Bambinas“ hörte die Schüsse bei „Erendíras“ Stein, während diese sich im Gerümpel unter einer der Schlafstätten versteckte. Was soll er tun, ins Viertel und kämpfen, „Erendíra“ entgegen gehen und ihr endlich seine Gefühle zeigen? Er entschied sich fürs Viertel obgleich ihm die Angst um das Mädchen beinahe den Verstand raubte, stürmte in wilden Sätzen ins Viertel zurück. Während er im Schatten der Büsche am  Fußballplatz vorbei jagte kroch „Erendíra“ innerlich getrieben aus dem Gerümpel raus, entfernte einige Bretter am Hinterteil der Hütte und schlich im Schutze der Nacht und des „Guadua“ den Hang zum „río Aguacatal“ runter. Sie kam gerade rechtzeitig um zu sehen wie „Bambinas“ kurz nach dem Fußballplatz von drei Motorräder in die Klemme genommen wurde. „Bambinas“ schoß den einen runter, hetzte mit langen, kräftigen Schritten zum Flüßchen, direkt auf „Erendíra“ zu. „Erendíra“ sah diesen wilden Körper auf sich zujagen, erschrak als er strauchelte, mit einem letzten gewaltigen Satz und grellem Schrei über das Flüßchen hetzte und hinfiel. Das Mädchen vergaß Angst und Tod, war in wenigen Sprüngen bei ihm, nahm die Waffe, schleppte mit der Kraft der Verzweiflung den Verletzten den Hang hoch, zurück durch das Loch in der Wand ihrer Hütte und stopfte ihn zu dem Gerümpel unter dem Bett.

 

„Erendíra“ war erleichtert, als die Schüsse verstummten und sich der Lärm der Motorräder in der Nacht verlor, doch noch stundenlang saß sie in der Ecke hinter der Tür, wimmerte, aus Angst des überstandenen, aus Angst um „Bambinas“, der leise vor sich hin stöhnte. Erst als „Juancho“, ihr ältester Bruder in die Hütte kam, traute sie sich zu bewegen und gemeinsam zogen sie den Verletzten aus dem Gerümpel unter dem Bettähnlichen Gestell. Seine Wunde war nur klein, er würde jedoch einige Zeit kaum mehr die dunklen Aufgänge im Viertel hoch hetzen können. Die Angreifer hatten die Hütte wo „Bambinas“ mit seiner Familie lebt total zerstört, sie wußten also wo er lebt und konnte sich nicht nach Hause wagen. Gott sei dank war niemand von der Familie anwesend gewesen, „Bambinas“ jedoch schwor blutige Rache für den kleinen „Pablito“, sein zerstörtes Zuhause...

 

„Erendíra“ schrickt aus ihren Erinnerungen auf, hört einige Stimmen und versteckt sich hinter ihrem Stein. Als sie ihre Brüder, „Bambinas“ und andere bekannte Stimmen aus dem Viertel hörte stand sie auf, ging den Freunden entgegen. Sie waren gekommen um sie abzuholen, hatten genug vom herumlungern und verkürzten sich so die Zeit. „Erendíra“ errötete beim Gruß „Bambinas“ und dieser ließ sie nicht aus den Augen.

Seit jenem Tag, als sich der junge Krieger unter ihrem Bett versteckte, war auch in „Bambinas“ etwas anders geworden, fühlt er sich unbeobachtet, schaut er mit tiefster Zärtlichkeit auf die ewig schöne Erendíra, heimlich schreibt er ihr Gedichte um sie danach als Schiffchen den „„río Aguacatal““ runter zulassen. Auf dem Weg ins Viertel malt sich Erendíra aus wie schön sie in einem Brautkleid an der Seite dieser schwarzen Raubkatze aussehen würde.

 

Es sollte noch viele hundert Tote kosten, bis Erendíra und „Bambinas“ den Mut fanden sich ihre Liebe zu gestehen. Als es so weit war, wurde Erendíra gerade sechzehn und „Bambinas“ hatte nach einigen üblen Verletzungen das bewaffnete herumstrolchen aufgegeben. Ansonsten hat sich nicht viel geändert in unserem Tal, mal ist es ein wenig ruhiger, doch nachts sind sie immer noch zu hören die Schüsse, die uns in den Schlaf geleiten und beruhigen, da man hört wie weit entfernt die Auseinandersetzungen stattfinden und wir warten immer noch auf die Rückkehr der Straßenlaternen die vor Schreck zu leuchten vergaßen. Ob die Kinder von „Erendíra“ und „Bambinas“ sie werden leuchten sehen?  

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7. Mai 2008 3 07 /05 /Mai /2008 14:21

Mit meinen beiden Begleitern bin ich seit Einbruch der Dunkelheit unterwegs in den Vierteln, wo man als Ausländer oder privilegierter Bürger nicht allzu willkommen ist. So begleiten uns denn immer wieder aggressive Aufforderungen gefälligst zu verschwinden. Nur der Tatsache, daß meine Begleiter und ich "gute" Bekanntschaften in diesen Vierteln haben, ist es zu verdanken, daß wir noch heil sind.

 

Warum gingen wir in diese Viertel? Um mit Prostituierten ins Gespräch zu kommen wäre es weitaus einfacher in die Gegend der Hotels zu gehen, z.B. zum "Torre de Cali", in die Querstraßen vom "Hotel Intercontinental" , an die "Avenida sexta"...

 

Wir wollen jedoch nicht mit diesen privilegierten Huren plaudern, denen geht es noch relativ gut, die haben eine finanzkräftige Kundschaft. Ein großer Teil davon sind alleinreisende Herren aus den USA und Europa, die in irgend einem einschlägigen Magazin gelesen haben, daß Cali die Stadt mit den schönsten Frauen Südamerikas sei und die schnelle, käufliche Liebe die westliche Brieftasche kaum belastet. Diese Edelhuren haben kaum Probleme des Überlebens, höchstens mit ihrem Zuhälter, ihrem ewig sturz besoffenen und unter Kokain stehenden Partner.

 

Wir sind auf der Suche nach "Pilar", einem 13-jährigen, kaffeebraunen Mädchen mit großen traurigen Augen, welches sich wie seine nur einwenig ältere Schwester seit 1½ Jahren prostituieren muß, damit der blinde und gehbehinderte Opa, die seit Jahren kranke Großmutter, die arbeitslosen Eltern und einige noch jüngere Geschwister überleben können.

 

Ich lernte "Pilar" vor etwa einem Jahr kennen. Das war an der "sexta" im "Don Jaime". Da saß sie mit einem Europäer der kaum ein Wort spanisch konnte und trank eine Cola. Da ich nur einige Tische weiter saß, kam der Europäer zu mir und fragte, ob ich übersetzen könne. Er war ein Endvierziger aus Norddeutschland, mit einer gutgehenden Anwaltskanzlei, der bereits zum dritten mal "Sexurlaub" hier in Cali machte, weil er hier keine Strafverfolgung wegen Unzucht mit Minderjährigen gäbe. Nachdem er vor mir (europäisches Aussehen in der Fremde scheint zu verbinden) geprahlt hat, wie und was er am liebsten mit diesen Kindern mag, habe ich "Pilar" den Vorschlag gemacht mit mir einen Hamburger bei "Presto" essen zu gehen. Sie hatte jedoch angst, zwar mit vollem Magen aber ohne Geld nach Hause zu gehen und so schlug ich ihr vor, sie erzähle mir aus ihrem Leben und ich würde sie dafür bezahlen, wie es die Männer tun, die wild auf "unschuldiges Fleisch" sind. Seit dieser Zeit treffen wir uns öfters zufällig im Barrio "San Nicolas" wo sie arbeitet.

 

Inzwischen sind wir in diesem Viertel angelangt und gehen in einen ungepflegten und schmutzigen Spielautomatensalon, wo Mädchen jeglichen Alters auf Kundschaft warten und sich die Wartezeit mit dem Automatenspiel oder plaudern verkürzen. Da sitzt "Pilar" alleine an einem Tisch und versucht den Ekel vor sich selbst und die Schuldgefühle mit "Basuco"(südam. Form des Crack) zu betäuben. Keines der anderen Mädchen möchte in ihrer Nähe sein, denn "Pilars" Gesicht ist verunstaltet durch drei frisch genähte tiefe Wunden. Weil sie sich vor einigen Wochen auf dem Nachhauseweg gegen eine Vergewaltigung wehrte, hat sie der Typ mit seiner Machete gräßlich gezeichnet fürs Leben. Seit da hat sie es auch zu Hause schwer, denn nun ist kaum mehr ein finanzkräftiger Freier bereit für "Pilar" gut zu bezahlen, und so verkauft sie ihren knabenhaften Körper bereits für einen "Basuco"-Rausch. So fing ihre Karriere auch an, der Vater verkaufte seine Töchter an seine freunde für einen "Basuco"-Rausch. Er war immer ein gern gesehener Gast bei den Männerfesten im Viertel, da er jeweils eine der Töchter mitnahm und mit gönnerhafter Geste dieser besoffenen Männerrunde zur Verfügung stellte um sie fürs Gewerbe hart zu machen. denn wer Hunger hat, hat keine Zeit an seine Moral zu denken, das sei etwas für die Reichen und nicht für die, die froh sein müssen, wenn sie ihren Säuglingen und Kindern die Hungerschmerzen mit "Basuco" lindern können.

 

"Pilar" ist froh uns zu sehen und Gesellschaft zu haben und erzählt uns über die Mädchen, die an den Automaten spielen oder sich angeregt unterhalten.

 

"...Schau "mono"(Ansprache für hellhäutige Menschen), hier findest du kein einziges Mädchen, welches nicht täglich seinen "Basuco" Konsum braucht. Einige wie Beatric, welche dort mit den zwei Männern verhandelt, hat damit angefangen, um sich so das Geld für die Schule zu verdienen. Immer nach der Schule, noch in der uniform, kam sie her um mit einem freier irgendwohin zu fahren. Anfänglich hat sie es für ein paar Pesos gemacht, heute da sie das Geschäft kennt und weit herum das schönste Mädchen ist, erzielt sie die besten Preise. Ein "gringo" wollte sie letztes Jahr mit nach Miami nehmen, doch irgendwas hat mit dem Visum nicht geklappt, ich glaube, weil sie erst 14 wahr. Nun hofft sie, daß der "gringo" bald wieder kommt und es dann klappt.

 

Die meisten hier fangen um 3 Uhr nachmittags an und machen durch bis 5 Uhr morgens. In diesen 14 bis 15 Stunden haben wir etwa 20 Männer und verdienen so um die 20 000 Pesos pro Tag. Davon bezahlen wir 4 500 Pesos Zimmermiete täglich. mit dem Rest des Geldes zahlen wir Schutzgeld an Polizisten usw. wenn diese nicht mit unserem Körper bezahlt werden wollen, kaufen Kleider, essen. Das meiste Geld jedoch benötigen wir für dieses gottverdammte "Basuco". Ohne dieses Gift halst du deinen verschmutzten und verkauften Körper doch gar nicht aus, da jagen sich die Gedanken, du möchtest dich am liebsten umbringen. Denn kaum eine von uns hat irgend eine bessere Zukunft vor sich.

 

Wir enden doch alle gleich, irgendwann wird jede von uns von so einem Schwein umgelegt, oder dann von der "mana negra" (paramilitärische Gruppe). Deshalb brauche ich "Basuco", ohne "Basuco" habe ich Angst, Angst vor mir, vor allen und allem. Und voll mit "Basuco" erträgst du auch die Männer leichter, die dir manchmal furchtbar weh tun. Manchmal, da bete ich zu Gott er möge mir helfen, doch DER Gott ist nicht für uns, für den sind wir Scheiße wie für den Rest der Welt. Ich möchte raus hier, doch ohne Geld kann ich nicht in die Rehabilitation, und wenn ich es hätte, die würden mich kaum aufnehmen. Wir sind geprägt, gezeichnet, verdammt da weiter zu vegetieren wo wir sind, denn uns braucht man ja so wie wir sind, ohne Rechte, immer verfügbar.

 

Ich erschrecke, bin betroffen ob der Stimme wie dies "Pilar" sagt. Es ist nicht die Stimme des 13-jährigen Mädchens das mit seinen tiefen, großen, traurigen Augen vor mir sitzt. Es ist die Stimme einer reifen, vom Leben zutiefst gebeutelten und geknechteten Frau, für die es nicht mehr tiefer gehen kann. Dieses 13-jährige Mädchen, dessen Unschuld auf der Straße starb hat alle unvorstellbaren schrecken und Tiefen erlebt. Doch "Pilar" ist kein Einzelfall, es ist der Alltag der Menschen die in der „olla" leben. Der Menschen, für die es keine Rechte gibt, der Menschen, die immer ein wenig mehr als die privilegierte Minderheit bezahlen muß, der Menschen, die bei den sog. "Sozialen Säuberungen" mit dem Tode bezahlen.

 

Der jüngere Bruder "Pilars" kommt seine Schwester abholen und ich stecke ihr schnell 5000- Pesos in die Tasche, damit sie u Hause keine Prügel bezieht. Ich tue dies unbemerkt, denn "Pilar" ist zu stolz um ohne Gegenleistung etwas anzunehmen. denn das Leben hat sie gelehrt, "FÜR NICHTS GIBT ES NICHTS"!

 

Als wir auf der Straße stehen, bittet "Pilar" Mitglieder der Jugendbande "Los bacanes", und bis zur "quinta"(5. Straße) hoch zu begleiten. Wir sind froh um diesen Schutz, denn mittlerweile ist es weit nach Mitternacht und die Chance heil aus diesem brodelnden Pulverfaß von Leben und Gewalt zu kommen ist nicht besonders hoch. Während wir Richtung "quinta" gehen, lausche ich dem Salsa, der immer leiser wird und vom Alltag erzählt, denke an diesen norddeutschen Endvierziger mit seiner gutgehenden Anwaltspraxis, der stellvertretend für viele herhalten muß. Fast wünschte ich, er wäre jetzt hier, alleine in diesem von Gott und der Welt vergessenen Viertel.

 

Die Jungs die uns begleiten singen den Salsa weiter, der lief als wir aufbrachen:

 

Oigo el llanto que atraviesa el espacio

Para llegar a Dios.

Es el llanto de los niños que sufren

Y lloran de terror.

Es el llanto de las madres que tiemblan

Con desesperación.

Es el llanto,

Es el llanto de Dios.

Violencia, maldita violencia,

?Por qué te empeñas en teñir de sangre

La tierra de Dios?

?Por qué no dejas que en el campo nazca

Nueva floración?

Violencia, ¿por qué no permites que reine la pay,

que reine el amor,

Que puedan los niños dormir en su cuna

Sonriendo de amor?

Violencia ¿por qué no permites que reine la pay?

Es el llanto de Dios,

Es el llanto de Dios.

Es el llanto de una madre

Porque su hijo perdió.

Es el llanto del Supremo

Que en el calvario murió.

Si no existiera la violencia

Todo sería mejor,

Llora como lloró

Nadie debe de llorar...

¡Violencia! ¡Violencia!

¡Violencia! ¡Violencia!

Tú que todo lo destruzes,

Anda z dime la rayón.

Es el llanto del Supremo

Porqué su pueblo perdió.Es el llanto del Señor,

Es el llanto del Señor.

Llora como el lloró,

Nadie debe de llorar.

 

 


 

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7. Mai 2008 3 07 /05 /Mai /2008 14:15

Der Begriff  "Los Desechables" fehlt im Wörterbuch, schlägt man jedoch unter dem Verb "desechar" nach, liest man folgendes: Wertloses wegwerfen, zum Ausschuß werfen.

 

"Los Desechables" sind Vogelfreie der modernen Zeit, ohne Rechte. "Los Desechables" sind das Produkt dieser sozialen Zerrüttung welche durch alle Städte des Landes streift und immer schlimmer wird durch die liberale Politik nach Gringo Vorbild der jetzigen Regierung unter Cesar Gaviria, der die Politik die die USA in die wohl größte Krise ihrer Geschichte brachte, hier als Wundermittel zu verkaufen sucht.

 

Die Angst ist der ständige Begleiter dieser Menschen, denen von der Gesellschaft jegliche Existenzberechtigung abgesprochen wird. Sie werden geprügelt, beleidigt, umgebracht. Polizisten machen sich einen Spaß, indem sie nachts diese entwürdigten Menschen aufsuchen und sie mit ihren Schlagstöcken traktieren.

 

"Los Desechables" wandern unermüdlich durch die Stadt auf der Suche nach "Recycling-Material" im Müll derer, die mehr Glück im Leben haben. Der Arbeitstag der "Los Desechables" ist hart, beginnt um 5 Uhr morgens und endet um 11 Uhr nachts. Immer am Wandern mit ihrem übergroßen Sammelsack auf dem Rücken, am Suchen, am Aufpassen, um nicht irgendwo in eine für sie gefährliche oder entwürdigende Situation rein zulaufen. Ausruhen können sie sich auf ihrer Wanderung nur an entlegenen Ecken, andernorts ist meist innerhalb weniger Minuten die Polizei da und prügelt sie fort.

 

Viele von Ihnen waren in "clinicas de reposo", wo man sie -wie es offiziell heißt- von ihrer Verrücktheit durch Elektroschocks heilen wollte und nur erreichte, daß sie ihr Gedächtnis verloren.

 

Ein Großteil dieser entmenschlichten, unermüdlichen Wanderer der Großstadt hatten mal alles in ihrem Leben. Es waren Frauen und Männer mit Familie und Arbeit. Nicht wenige sind gebildet, haben ein Universitätsstudium, sprechen fließend Englisch, können sachlich diskutieren, sind belesen von Sartre über Kant bis Plato.

 

Doch die Drogensucht hat sie ruiniert, das Teufelsgift "Basuco"  hat sie in seine Krallen genommen, zum Sklaven gemacht und entmündigt.

 

Es fängt schleichend an, zuerst Probleme mit der Familie, Verlust der Arbeit. Dann verkauft man nach und nach die ganze Einrichtung des Hauses und der Mitbewohner. Denn die "Sehn-Sucht" nach diesem Gift ist gräßlich, man will zwar nicht aber MUSS. Man fängt an zu stehlen, geht ab und zu auf eine Baustelle arbeiten, kauft sich Basuco, obgleich man sich mit dem Tagelohn wieder mal eine sättigende Mahlzeit für die Familie besorgen wollte.

 

Aus kleinen Gelegenheitsdiebstählen entwickelt man sich nach und nach zum Kriminellen, der am Ende bereits für 5 000 Pesos (ca. 10.- DM) einen Mordauftrag erledigt. Doch das "Basuco" lähmt und zerstört immer mehr, die Familie trennte sich längst vom "Basucero" und schließlich taugt man für nichts mehr und wird zu einem der "Los Desechables", denen man noch vor einiger Zeit selber aus Spaß das Leben zur Hölle gemacht hatte.

 

Sah man früher selber verächtlich auf die armen Schweine die sich ihre Nahrung im Müll suchen und gleich aus dem Müllsack essen, findet man sich nun selber als solcher wieder. Durch das Papier sammeln usw. verdient man zu wenig um sich Nahrung und Sucht zu finanzieren, bekommt man doch für ein Kg. Papier ca. 40 Pesos (ca. 0,10 DM) und hat man an einem Tag 15 Kg. gesammelt, dann ist dies viel.

 

Allzu oft kann man sich nicht einmal mehr das "Basuco" beschaffen, begnügt sich mit den Resten von Lösungsmitteln, Schusterleim usw. die man im Abfall findet. Das Übel bei den Lösungsmitteln jedoch ist das Erbrechen. Erbrechen heißt Nahrungsverlust, so kratzt man das erbrochene gleich wieder zusammen um es erneut herunter zu würgen, wobei man es allzuoft noch gegen die hungernden, in der Stadt herumstreifenden Strassenköter verteidigen muß.

 

Längst hat man sich an den ein wenig süßen Abfallgeruch gewöhnt, den man selbst nach einem Bad im schmutzigen "Rio Cali" nicht los wird. Ebenso gewöhnte man sich daran in einer Erdhöhle am Fluß, unter einer Brücke oder in einer unbewachten, leeren Grabgruft auf einem der Friedhöfe zu schlafen. Unauffindbar sein entscheidet jede Nacht über Leben und Tod!

 

Die Nacht gehört den Paramilitärs, der "mano negra",  den "Komitees" die sich für eine soziale Säuberung der Städte mit der Waffe einsetzen. Allzuoft sieht die Polizei weg, wenn sie auftauchen, kollaboriert mit ihnen oder ist selbst Freizeitmitglied. Beliebt ist der Einsatz zu zweit auf dem Motorrad, man fährt die bekannten Schlafplätze der "Los Desechables" ab und legt jeden um, der mit Lumpen oder Papier zugedeckt schläft. Die Schüsse locken keinen auf die Straße, man weiß ja, wer da in der Nähe umgebracht wird. Nur ganz selten setzen sich die Besucher der "tabernas" für die Todgeweihten ein, wenn sie das Hämmern der Maschinenpistolen, das Schreien in der Nähe des Fußballstadiums "Pasqual Guerrero" hören.

 

Der Tod eines "Los Desechables"  findet höchstens Platz in den Medien, wenn es sich um ein Massaker handelt, oder wie in "Barranquilla", wo pervertierte Angestellte der "Universidad Libre" ein gewinnbringendes Geschäft mit ihnen machten.

 

Da Medizinstudenten sich die Leichen für Sezierungen selber besorgen müssen, baute ein an der Universität beschäftigter Gewerkschafter (Eugenio Castro Ariza) ein makabres, gut organisiertes Geschäft mit mindestens 14 Angestellten auf. Einige waren darauf spezialisiert, sich die geeigneten zukünftigen Sezierteile unter den "Los Desechables" der Stadt auszusuchen. Andere lockten sie dann in die Uni und knallten ihnen einen schweren Stock etwa in der Art über den Schädel, wie der Bauer seine Kaninchen fürs Schlachten tötet, zusätzlich mit einem Fangschuß zur Sicherheit. Daraufhin wurden sie im Kühlraum gelagert und die Studenten konnten ihren Bedarf bestellen. So brachte ein "Los Desechables" in Teilen verkauft bis zu 170 000.- Pesos (ca. 340.- DM).

 

Die ganze Sache wurde am 29. Feb. 92 aufgedeckt, weil eines der Opfer für tot gehalten wurde und aus dem Kühlraum fliehen konnte. Wie durch ein Wunder überlebte dieses Opfer den Keulenschlag und den Fangschuß, schleppte sich nach einigen Stunden ausharren im Kühlraum aus der Uni raus und suchte Hilfe. Doch Oscar Hernandez brauchte Stunden bis ihm einer der Polizisten glaubte. Bei der Durchsuchung der "Universidad Libre" fand die Polizei 14 Leichen und Teile von mindestens 40 weiteren.

 

"Los Desechables", lebend gelten sie nichts und tot lächerliche 170 000.- Pesos.

 

Mit einem dieser unermüdlichen Großstadtwanderer habe ich eine besondere Beziehung. Wir lernten uns kennen, als ich mal meinen Hausschlüssel vergaß und einige Stunden warten mußte bis einer meiner Mitbewohner nach Hause kam. Er saß mit seinem großen, schweren Sack an der Ecke unseres Hauses und wir fingen ein Gespräch an. Mit der Zeit entstand ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen uns.

 

Fernando wird noch dieses Jahr (1992) 48 Jahre alt, hat seine mittlerweile studierenden Kinder und seine Frau seit Jahren nicht mehr gesehen, denn er schämt sich, sich so in Lumpen und stinkend vor ihnen zu zeigen.

 

Seine Familie trennte sich von ihm, als er im "Hospital Departamental" mit vier Schüssen im Körper ums überleben kämpfte. Die tägliche Angst, ob der Vater und Ehemann gesund von seiner "Arbeit" mit dem Revolver zurückkommt hat die ganze Familie nervlich fertig gemacht.

 

Auch Fernando kam durch das "Basuco" in diese unwürdige Lebenssituation. Da er den Arbeitsplatz verloren hatte und für seine zwei Kinder eine bessere Zukunft wollte, fing er an, kriminelle Geschäfte zu machen. Er war einer der mutigsten und tollkühnsten Typen in diesem Geschäft bis ein gekaufter "pistoloco" ihn mit vier Kugeln zum gehbehinderten Krüppel machte.

 

Niemand in der Klinik sagte ihm, daß er den Metalleinsatz in seinem Bein nach einem Jahr wieder entfernen lassen muß, so ist das Ding heute noch drin und verursacht ihm gräßliche Schmerzen, da einige Schrauben inzwischen locker sind.

 

Durch befreundete Ärzte des Gesundheitspostens im "Barrio El Retiro" bekam ich die Gelegenheit alle nötigen Untersuchungen für Fernando kostenlos zu erhalten. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, welche menschenunwürdigen Situationen und Repressionen wir beide erleben müssen.

 

Allein kam Fernando trotz ärztlichem Attest nirgends rein, weder zum Röntgen noch zu einer ersten ärztlichen Untersuchung im "Hospital Departamental" und selbst im Selbstbedienungsrestaurant wurde ihm verweigert für uns einen "tinto" (schwarzer Kaffee) zu kaufen, obgleich er das Geld dazu in der Hand hatte.

Allein meine Gegenwart reichte aus;  das röntgen seines Beines war in einer halben Stunde erledigt und Fernando wurde plötzlich mit Señor angesprochen. Da war plötzlich eine ärztliche Untersuchung in nur zwei Stunden Wartezeit zu haben, während Fernando alleine ganze zwei Tage von 5 Uhr morgens bis 6 Uhr abends erfolglos gewartet hatte. Typisch waren dann die Bemerkungen des Arztes, welcher erstaunt fragte, warum er denn nicht früher gekommen sei. Dieser Mann in weiß, welcher über die sozialen Bedingungen in seinem Lande keine Ahnung hat, gab sich erstaunt, als ich ihm provokativ schilderte wie es den "Los Desechables" geht, wenn sie ihr in der Verfassung garantiertes Recht auf ärztliche Versorgung geltend machen wollen, ganz zu schweigen davon, wie sich jemand 200 000.- Pesos (ca. 400.- DM ) für eine wichtige Operation ersparen kann, der täglich höchstens 800.- Pesos (ca. 1.60 DM ) verdient?

 

Anfangs war es schwer für mich all die Repressionen, sobald ich mit Fernando zusammen wahr, gelassen zu ertragen, ich reagierte mit Magenschmerzen und Herausforderungen, konnte nicht verstehen, wie der einst so stolze und mutige Unterweltler, der in Cali eine Legende ist, dies so gelassen ertragen konnte.

 

Mit der Zeit lernte ich in seinen Augen zu lesen, seinen stahlblauen Augen, die immer noch sichtbar machen, welche Persönlichkeit und Kämpfer dieser von der Gesellschaft geprügelte Mann trotz allem noch ist. Ein Glück für die die ihn treten, daß Fernando nun an die Gewaltlosigkeit glaubt. Trotz seines behinderten Beines wäre es für diesen schmächtigen, schnellen und starken, in vielen Kämpfen erprobten "Paria der Gesellschaft" leicht mit diesem "Pack" aufzuräumen.

 

Davon bekomme ich immer wieder eine Ahnung, wenn er mich in die "olla" begleitet. Die meisten begegnen ihm mit Respekt, helfen ihm seinen Sack zu tragen und die Tatsache, daß er sich mit mir "Privilegiertem" abgibt ist die beste Versicherung für meine Unversehrtheit.

 

Durch Fernando bekomme ich immer die Informationen, welche in der täglichen Presse fehlen. Über dieses Wochenende 15 "Los Desechables" umgebracht, letzte Nacht sieben an einem einzigen Schlafplatz. Offiziell hat Cali wöchentlich 60 Mordopfer, doch allein die Berichte von Fernando kommen manchmal in die Nähe dieser Zahl.

 

Fernando hat eine sehr minimale Bildung, besuchte die Schule bis zum ersten "bachillerato". Durch die Jahre seines entwürdigenden Daseins, fing er an, sich selber weiterzubilden. Er las alles was er im Abfall auftreiben konnte, Zeitungen, Bücher, die Arbeiten von Studenten. Seit er mal was von Ghandi gelesen hat, ist für ihn Gewaltlosigkeit zum höchsten Prinzip geworden und er spricht über "Satygraha" als hätte er viele schlaue Vorlesungen besucht. Und das Besondere, Fernando konsumiert kein "Basuco" mehr, höchstens ab und zu mal Marihuana.

 

Denn er möchte raus aus diesem Leben, schuftet wie ein Tier und doch reicht es nicht für mehr als den Hunger ein wenig zu stillen. Fernando träumt davon, sich für 10.000.- Pesos eine Schuhputzausrüstung kaufen zu können oder auf dem Schwarzmarkt eine Stange Zigaretten für 4.000.- Pesos  zum Wiederverkauf. Kann er am Tag nur 10 Paar Schuhe putzen, hat er 3.000.- Pesos. Mit dem Gewinn könnte er sich in kurzer Zeit ein Zimmer, saubere Kleider leisten und vielleicht würde ihn dann seine Familie wieder aufnehmen.

 

Es war bei einer Diskussion vor unserer Haustüre über Ghandis Ideen, als die kultivierte Nachbarin, die eine Tochter in Genf hat und ein Jahr dort lebte, die Polizei anrief, weil sie sich durch uns beide bedroht fühlte. Seit dem spricht diese Nachbarin kein Wort mehr mit mir, während sie vorher meinte, eine besondere Beziehung zu mir zu haben, da ich Staatsbürger des Landes bin, wo ihr Töchterchen glücklich verheiratet ist, und jedes Jahr zu Besuch kommt, über die anständige Schweiz Loblieder anstimmt und über Kolumbien und deren Einwohner spricht, als wären hier alle kriminell und schmutzig.

 

Sobald diese "rica suiza" im Barrio auftaucht, spricht es sich herum bei den "Los Desechables". Denn dann sind für einige Wochen die Abfallsäcke voller Leckerbissen und anderem begehrten Zeugs. Wenn die junge, gutsituierte Dame mal gut aufgelegt ist, dann sagt sie zu Fernando und Co., daß Essen im Abfallsack sei. Die Idee, kurz mal ihre Haustüre aufzumachen und die Nahrung unbeschmutzt einem Hungernden zu übergeben, kommt ihr nicht. Mit einem Lächeln schaut sie dann aus dem gut geschlossenen Fenster zu, wie die "Los Desechables" Nahrung zwischen Damenbinden und Papierwindeln heraus klauben.

 

Cali, 2 de octubre de 1992

 

 

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